Berlin
Zum 18. Fcbruar d. J. hatte Prof. Fleischer eine Anzahl von Herren zur Zusammenkunft gebeten , um ihnen in langerer Ausfiihrung iiber die Ziele und Unternehmungen der von ihm begriindeten I. M.- G. vertrauliche Mitteilung zu machen. Eine ausgedehnte und Icbhafte Diskussion der erschienenen 18 Herren iiber die Tendenz und Organisation der I. M. -G. im Einzelnen ergab eine allseitige Zustimmung. DemgemâB fasste die Vcrsammlung einstimmig den BeschluB. sich zu einem Verein zu konstituieren und der I. M.-G. als Ortsgruppe beizutreten. Nachdem die Vorstandswalil vollzogen war (Vorsitzender : Prof. 0. Fleischer, stellvertretender Vorsitzender: Prof. Fr. Zelle, Schriftfuhrer : Dr. M. Seiffert, Kassierer: Dr. H. Goldschmidt, Bibliothekar: Dr. J. Wolf), wurde ein vorlâufiger Statuten-Entwurf fiir die Ortsgruppe gutgeheiBen. Die endgiltigc Fassung gelangte auf der nachsten Sitzung am 1. Marz zur Annahme. Bereits im August betrug die Mitgliedszahl 40.
Beschriinkten sich fernere Sitzungen vom 12. April, 12. Juli, 9. August, 13. September der Ferien wegen auf eine gesellige Zusammenkunft der Mitglieder, so gewannen die vom 10. Mai und 14. Juni besondere Bedeutung dadurch, dass HeiT Archimandrit Komitas Kevi^orkian aus Etschmiadzin so liebcnswiirdig -svar, vor den Mitgliedern der Ortsgruppe und dazu geladenen Gâsten Geschichte und Wesen der armenischen Musik eingehend zu behandcln und durch zahlreiche Beispiele zu veranschaulichen.
Die armenische Kir ch en musik — so etwa l'iihrte er aus — ist sich von Anbeginn des Christeutums l)is heute gleich geblieben. Ihren Ursprung hat sie im àlteren, heidnischen Tempelgesang gehabt, der seinerseits wieder aus der Yolksmusik liervorgegangen ist. Die Gemeinsamkeit von Kirchen- und Volksmusik laCt sioh nocli violfach durch Analyse der Melodien feststellen. Nur hat die Kirche durch Ornaniente reicher ausgestaltet, was im Volko einfach geblieben ist. Ein EinfluC der Perser und Araber hat auf dièse Entwickelung nicht stattgefumlcn , eben so wenig von Seiten der Griechen. Dièse Integritiit der Praxis ist fiir die Erforschung der âltesten christliohen Musik ein iiberaus beachtens- ■wertes Moment. Das ïonsystem der Armenier fuCt auf dem Tetrachord, dossen Endtône feststehen, wiihrend die Mitteltono sechsfach vsei^hseln konnen. Die Tetrachorde werden stets mit einander verbunden. Tonarten giebt es 8, 4 llaupt- und 4 Seitentoue. Jeder von ihnen hat eine Quarte, in der er sich mit Yorliebe bewcgt, also eine Art Reperkussion.
Mitteilungen. 47
Von den Formen des Kircliengesanges ist (namentlich mit Riicksicht auf die Ergebnisse der neuesteTi Neumenforschungl besonders merkwiirdig die Psalmodie*). Die Armenier haben 7 Interpunktionen mit ganz bestimmten ïonbedeutungen, deren Vergleicli mit den sonst bekannten Interpunktionen lehrreicli ist. Beim Vortng freierer Melodien verwenden die Armenier den Wechsel zwischen Chor iind Solo , sowie eine organumartige Polyphonie in gehaltenen Tônen.
Die Volksniusik ist iiberall da noch heute lebendig, wo sich nicht fremde Kulturelemente in den Vordergrund gedrangt haben. Wie anderwarts, so geben auch in Arménien geschichtliche Ereignisse, die Erscheinungen der Natnr, das personliche Leid und die Freuden des einzelnen Menschen die Motive fiir das Volkslied ab. Die Dichtung ist entweder strophisch oder sie besteht ans Sâtzen mit Wortspielen. Besonders beliebt sind kurze, aber starke Vergleiche. Die Wortaccente und die Hohepunkte der Wortsâtze finden in der Musik dazu keine Parallèle, sie stehen nicht in Zusammenhang mit einander. Wohl aber deckt sich der musikalisohe Inhalt mit der Grundstimmung und dem Empfindungsgehalt der Dichtung. Das typisch Nationale des armenischen Volksliedes lâuft im Wesentlichen auf gewisse Eigenheiten in Gesangsstil und -Technik hinaus. Sie werden namentlich durch Vergleich armenischer Melodien mit arabischen, tiirkischen, kiirdischen deutlich. Volkssânger sind schon aus dem 6. Jahrh. y. Chr. nachweisbar. Ist auch ihre Musik nicht erhalten, so kennt man doch den Inhalt ihrer Texte. Die Musik der gegenwârtigen Volkssânger bewegt sich in 2 Formen : im Recitativ fiir Erzâhlungen , in Melodien fiir Dichtungen. Die instrumentale Begleitung wird auf der Geige ausgefiihrt.
In der Sitzung vom 11. Oktober war Herr Kâmpff aus Berlin so freundlich, den Mitgliedern nacli einem kurzen historischen Uberblick iiber die Entsteliung und Entwickelung des Harmoniums die besonderen Vorziige des Mason & Hamlin- Harmoniums, sowie die eigenartige Riclitung der dafiir entstandenen Speziallitteratur durch AVort und Ton zu veranschaulichen. M. Seiffert.