‹ C.M. Wieland, la formation et l'évolution de son esprit jusqu'en 1772Chapitre 478 sur 505 · Bôttiger I, p · texte numérisé non relu

Bôttiger I, p

Extrait d'une lettre de Wieland à J. G. Jacobi, de 1771 (Manuscrit à Fribourg, Bibliothèque universitaire), se rapportant à une critique des Grâces dans Gôttingische Gelehrte Anzeigen, 28 janvier 1771, St. 12, p. 102 s.

Eh ich Ihren angenehmsten Brief beantworten kann, mein liebster Jacobi, muss ich mein Ilerz entladen welches, ich gestehe es Ihnen, noch nie so voll, noch nie so verwundet gewesen ist, als seitdem ich diesen Abend die niedertrachtige Recension derGrazien in den Gôttingischen Anzeigen gelesen habe. Ohnezweifel kennen Sie dièses feine Stûck schon, und Ihrer Seele muss unfehlbar vor diesem lotterbubischen Persifflage, vor den Sokratischen Apothekerbiichsen und von allen andern schônen Prôbchen von Capuziner Witz, womit es angefiillt ist, ebenso herzlich geeckelt und gegràmt haben als der Meinigen. Ich will nichts mehr davon sagen, denn ich verlasse mich auf die Sympathie unsers Geists und Geschmacks. Aber das bitte ich Sie, erklâren Sie mir, wïe Heyne fàhig seyn konnte, so etwas einzuriicken? Verfasser ist er nicht davon, dazu ist er ohnzweifel zu gut; aber er hat es eingertiekt : die Gôttingische kônigl. Sozietàt der W. hat es unter ihrem Namen publizirt, dièses Denkmal ihrer Schande! — Was sollen wir dazu sagen? Sie, mein bester Freund, Sie haben Freunde in Gôttingen : und kônnen dièse gleichgiiltig die Grazien, ihre Dichter, die schônsten Geister der Nation und die Nation selbst, welche die Grazien mit Beyfall aufgenommen hat, insultiren sehen? Assurément je n'y comprends rien. Sie wissen, mein Lieber, dass mir Ihr und unsers Gleims Beyfall genug ist; er versichert mich des Beyfads aller schonen Seelen; aber ich kann Ihnen schworen, dass ich von allen Seiten Deutschlands, von den vorziïglichsten Personen beyderley Geschlechts, vonPersonenderenBeyfall wirklich Ehre macht, die lebhaftesten Zeugnisse der Zufriedenheit mit unsern Grazien — denn sie sind auch die Ihrigen? — erhalten habe. DieGrâfin von

Wartensleben schreibt mir aus Wien, dass der Chevalier v. Boufflers (den Sie aus niedlichen kleinen Gedichten und aus der Reine de Joconde kennen werden) : eben der an den die schône Epitre im Almanac des Muses p. 65 gerichtet ist , welcher deutsch genug kann, um Sie und mich zu lesen, von den Grazien bezaubert gewesen sey — Verzeihen Sie mir, bester Jacobi, dièse scheinbare Prahlerei — Sie werden mich noch persônlich kennen lernen und ùberzeugt werden dass mein Herz einen schônern Beweggrund hat, sich ûber die Achtung und Liebe selbst der liebenswiirdigen Menschen zu freuen als Eitelkeit und Ruhmsucht — aber ich gestehe Ihnen, nichts als ein Champion, der mich auf eine edle und meiner wùrdigen Art an den G... ràcht, kann mich liber eine so hàmische Beleidigung zufrieden stellen. Verachtung, ôffentliche, mutwillige, grobe und boshafte Verachtung ist mir unertrâglich. Von einem hamburgischen Zeitungsschreiber, von einem Nicolai kann ich ailes leiden; aber Beleidigungen welche von einer ganzen Universitât, von einer Akad. d. Wissensch. fur die ihrigen oiïentl. avouirt werden, kônnen nicht so leicht mit Verachtung ùbersehen werden. Ubrigens schickt es sich weder fur Sie noch fur unsern Gleim sich auf irgend eine Art sich fur meine Champions auf zuwerfen. Aber unter der H and erforschen, wer der Recensent ist, was man in Gôttingen dazu sagt, und ob denn Niemand dort ist, der ûber einen solchen Unfug, der von einem bayrischen Capuciner nicht elender hâtte angestellt werden kônnen, ein ôffentliches Misvergniigen zu erkennen gibt? Das kônnen Sie, daucht mich, mit aller Anstàndigkeit thun. Was fur ein Ort muss Gôttingen sein ! Welch Kamtschadale! — Ich weiss nicht wer mir ins Ohr zischt, Haller sei der Recensent. Von Musarion war er's. Aber ich môchte es gewiss wissen. Ich habe Ihren Bruder von dieser Sache geschrieben. O mein bester Jacobi ! Warum kônnen wir nicht beysammen leben? Wâre ich bey ihnen, bey unserm Gleim, was wiirden uns aile dièse Hunde, die den Mond anbellen, anfechten? — Aber hier, hier bin ich allein, unter Gothen u. Slaven, und was noch ârger als beides ist, unter falschen Brudern allein. Ein alter entlassener Leutnant von 70 Jahren, der ehemals lang in Italien u. zu Caris VI Zeiten lang in Wien war, der Geschmack, Gefiihl u. Kenntnisse hat — dieser alte, unscheinbare, hier wenig geachtete Mann ist meine einzige Ressource — meine zwei kleinen lieben Màdchen ausgenommen, von denen die alteste nun dritthalb J ahre ait ist und mich nur mit ihrer Iieblichen Miene anlàchelt, und ihre kleinen liebkosenden Arme um meinen Hais zu schlagen braucht, um mich ailes Grams vergessen und zum gliicklichen Sterblichen zu machen.

Und nun, mein liebster Freund, zu Ihrem Brief vom 17. dièses Mon. Sie haben wieder geprediget. Sit nomen Domini benedictum !

Predigen Sie, predigen Sie, raein Freund! si tel est votre plaisir, und wenn Sie Gutes dadureh zu stiften glauhen. Ist nicht der Chevalier de Bouiïlers zugleich abbé, Ritter und Husarenobrister? Warum sollte mein Jacobi nicht zugleich ein Priester der Grazien Homers und ein Evangelisl der Grazien des heil. Thomas seyn kônnen? Und weleh ein Wunder hâtte nicht mein Jacobi gewirkt, wenn er die Gratiam antecedentem, concomitantem et consequentem eben so liebenswiirdig maclien kônnte als es die Grazien sind...

Die mit den Musen im Delphischen Hayn

Zum schonsten Gesang die schônsten Reygen tanzen.

Aber ernstlich gesprochen, mein Liebster, ich ehre und liebe die christliche Religion in der Einfalt und Lauterkeit wie ich sie in ihrer Quelle finde; ich glaube, dass die Menschen nur desto besser waren wenn sie zu Vernunft, Witz u. Geschmack auch Religion hâtten; und ich zweifle gar nicht dass die letztere dabey gewinnen Wiirde, wenn wir etliche Dutzend Seminaria theologiae hâtten, worin lauter solche Prediger gebildet wùrden wie mein Jacobi ist. Und gleichwohl kann ich Ihnen nicht verbergen, dass nicht nur f tir das grobe Vorurtheil, sondern selbst fur das feinere Gefuhl des Schicklichen etwas — wie soll ich es nennen? — etwas aufTallendes darin ist, den Sànger Amors und der Grazien und ihrer schonen Mutter in einen Prediger mit langem Mantel u. Kragen verwandelt zu sehen. Il y a là-dedans quelque chose de discordant qu'on sent mieux qu'on ne peut l'exprimer. Habe ich Unrecht, so will ich mich gern zu Recht weisen lassen...

(Suit un passage sur une Épître sur 1rs Grâces promises par Jacobi ■à Wieland, et une allusion à une pièce lyrique projetée d'après le Pygmalion de Rousseau.) « Mein Pygmalion soll unfehlbar zur Wirklichkeit kommen sobald die Rosen blùhen. Er wird weder im Plan noch in der Ausfiihrung eine Nachahmung von Rousseau seyn. »

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