A M. ADOLPHE REGNIER
Berlin, t5 mai 18K3.
lis musz Sie, verehrler herr, befremdcn und verwundern, dasz ich aul lhre gfuige zuschnlt von 44 januar noch nicht einmal L'eanlworlet, fur die sii; u«-
LES FRÈRES liKIMM. Î7
gleilende senduug, wodurch ich hochlich erfreut und uberrascht wurdcn bin, nicht gedankt habe. seit langer als drei monaten ist ailes in meinen handen, 11 nd die antwort noch dazu dureh die verstaltung erleichert, dasz ich micb der lhren gelaufigen deutsehen sprache bedienen darf. auch verging keine woche, dasz ich nicht daran gedacht hatte meiner pflicbt und der emplindung mêmes herzens zu genttgen. allein ich wurde dièses fruhjahr krank, zwar nicht beltlagerig, aber in dem grade beângstet, dasz ich ans dem gewohnten gleise kam. es war ein aussetzen der pulsschlage, wechselnd, bald zunehmend, bald wieder nachlassend, stôrend und schlaflose niichte mit sien fuhrend. mit dem eintritt der warmen witterung hat es aich gebessert und ich fuhle mich schon drei woche lang irei. in der ganzen zwischenzeit muste ich aile guten stunden dem deutsehen worterbuche zuwenden, dessen unabliissige, vielleicht funf jahrezu spiit begonneue ausarbeitung mich, ich weisz nicht ob mehr geislig stiirkt oder leiblich aufreibt. wenn man 68 jahre zurQck gelegt hat und gewohnt war immer anhallendzu lernen undzu Corse lien, andert sich die natur nicht mehr.
Nun aber genug von don hindernissen derenlwegen Sie mir verzeihung angedeihen lassen. ich lerne in Ihnen einen mann kennen und verehren, der mit einer in Frankreich ganz seltnen kunde der deutsehen sprache und literatur ausgeslattet, meinen but hern unerwartete aufmersamkeit angewandt hat, und geneigt ist von dem neuen oderunbekannten, waserdarin wahrnahm, dasbesle zu halten, meine mangel und gebrechen zj iibersehen. es ist wahr, im-re art zu sludiren und im publicum aufzulreten, weicht von der franzosischen, ohne zweifel oft zu unserm nachtheil ab, hangt aber zusammen mit unsrer politischcn zersluckung undohnmacht. wirfreuen unsstili deseinzelnen und kleinen, pllegen nicht auf die wirkung zu achten noch sie zum ziel zu nehmen, die unsre werke in der welt hervorbringen kônnen, und meinen es sei genug was man iiber einen gegenstand wisse und herausgebracht habe, ailes herzlich herzugeben. meinen untersuchungen sollte man den ernst und die lust ansehen, aus der sie eotsprungen sind, ich dachte nicht daran, den lesern den weg leichter zu machen als er mir geworden ist; ich habe uberhaupt nur in mir den trieb zu lernen, nicht den zu lehren, und daruber, dasz ich andere hin und wieder etwas lehre, lernte ich selbat unverhaltnismaszig mehr hinzu....
In einigen punkten mochle ich von lhren einsichten abweicheo, z. b. in dem urtheil iiber die gothische sprache, der Sie ausgezeichnete eigenschaflen einraii* men, doch eine grôjserc ausbildungsfahigkeit absprechen. waren die Gothen unter den vglkern nicht getilgt worden, die welt hatte leicht ein anderer angesicht gewonnen. wie in ihrer sprache war auch in ihrer natur etwas mildes, und ein geistiger keim, der untergegangen ist. so oft ich den Ultilas lèse, that mir der eindruck des ganzen wol, wahrend mir das alamannische, frankische allenthalben zerrissen und ungleich vorkommt...
... Vom deutsehen wbrterbuch sind funf lieferungen heraus und die sechste ist unter presse, ob Sie wol den plan und die ausfuhrung gutheiszen? es sollte, ich glaube zum ersten mal in einer neuercn sprache, versucht worden, den ganzen umfang einer lebendigen zunge, aber auch mit allen ihren in den letzten
jatirhunderten abgestorbeuen aiiszerungen zu bcwalligeu. tulle uud genauigkeit der citate war dafUr unerlSszlich. nicht sollte dcn hcutigen oder kiinftigen schrifstellern verboten werden, wôrter zu gebrauchen, sondern erleichert sie wieder einzufubren. vor allem lag daran ein archiv der wirklich beslehenden oder bestandneu sprache vollstandig zu erôfuen.sei es fur irgendwelche gebrauch. wird das gaoze, was erst begonnen ist, in aolche weise ausgefuhrt, so verschwindel auch die lexicalische trockenheit.
Schwerlich kunu ein andrer auf die fortsetzung 1 tirer i .cherches bigieriger ala ich, ma gr'ôszter hochachlung nenne ich mich Ihren ergeboen,
Jacoh Crimm.