I. Preußens deutiche Politif im Jahre 1795. XV
Die Nachgiebigkeit und Schwäde, die Haugwig in den Beziehungen zu Granfreid) walten ließ, fand glüclicherweije ein gewifies Gegengewicht in dem Staatsmanne, der zur Führung der ferneren Unterhandlungen in Bajel verblieben war. Hardenberg empfand wenig von dem Zwange der polnischen Berwidlung oder von dem Drude der finanziellen Bedrängniffe, die jo läbmend auf Haugwih einwirkten. Die Gefichtspunfte für fein Borgehen jchöpfte er aus einer Betrachtung der Berbältniffe im Welten. Haug: wig hatte mehr das eigentlich preußifche Intereffe im Auge, für das die Behauptung der Weichjel wejentlicher war als die des Rbeines, umgefehrt jah Hardenberg in Preußen zuerft den deutfchen Staat, der die Grenzen des Reiches im Weften zu hüten berufen war. Zur Aufrechthaltung des preußischen Anjehens in Deutjchland wie zur Begründung eines guten Verhältnifjes zu Frankreich felbft hielt er e8 für nothwendig, in die VBerhandlungen mit Granfreid eine größere Feftigkeit und Beftimmtheit zu legen, al3 man ihm von Berlin aus geftatten wollte. Er ging von der Über: zeugung aus, daß Preußen dabei keinerlei Gefahr laufe, weil die revolutionäre Bewegung zurücichreite, weil Frankreich den Frieden nod mehr bedürfe ald Preußen !). Diefe feine Anfichten Hatten bei den Unterhandlungen über den Frieden zu unerwarteten Erfolgen geführt; «8 ift fein Zweifel, daß man fi) in Berlin mit ungünftigeren Bedingungen zufrieden gegeben hätte, als Hardenberg fie burdaufeben wußte. Die bedrängte Lage Tranfreichs, der das mafvolle und bejonnene Auftreten des franzöfifchen Bevollmächtigten in Bajel Barthelemy angemeffen war, fdien ihm neue Erfolge zu verfprechen, al8 er nun nad) Unterzeichnung des Friedens Die Verhandlung über die Ausdehnung bdeffelben auf das deutjche Reid und über die Behauptung des linfen Rheinufer für Deutjchland in Angriff nahm.
In der That gelang e8 ihm zumächft, die bereits in dem Friedensvertrage ftipulirte Demarfationslinie, auf die man in Berlin mit Redt das größte Gewicht legte, in einem befonderen Vertrage noch bejtimmter und ausdrüclicher feftzufegen (17. Mai). Die Linie wurde jo gezogen, daß fie am rechten Ufer des Aheines und des Maines den Armeen der kriegführenden Mächte möglichft freien Raum zur Bewegung ließ. Aber das war der legte Erfolg, den Hardenberg’3 diplomatische Thätigkeit zu verzeichnen hatte, alles Weitere mißlang. Gleich der Wunsch Preußens, Barthélemy als Gejandten in Berlin zu erhalten, fand feinen Anklang in Paris; man erwiderte, Barthelemy könne für die ferneren Friedensunterhandlungen nicht ent-
la rive gauche est cédée aux Français, si ce n’est le renforcement des princes les plus puissants de l'Allemagne et leur rapprochement de la nouvelle frontiere%« So äußerte Haugwit fit fpâter, nach einem Berichte Stabion'8 vom 13. Mai 1802.
1) Schon am 25. März 1795 fchrieb Darbenberg an Haugmwig: ,Seben Sie nur, wie die Revolution retrograbirt. Glauben Sie mir, biefe Menjchen haben den Frieden nöthiger ais wir.“
XVI Einleitung.
behrt werden. Ebenjo wenig wollte e8 mit der Vertretung der großen deutjchen Interefjen glüden. Der Befehlshaber der zum Scuße der Demarfationslinie aufgeftellten preußifchen Truppen, Prinz von Hohenlohe- Sngelfingen, hatte Hardenberg empfohlen, die Ausdehnung der Neutralität auf das ganze Land zwijchen Rhein und Mate und felbft auf Mainz und Ehrenbreitjtein zu erwirfen, er fnüpfte daran die Hoffnung, daß das Neutralitätzjyjtem durc den Beitritt der Reichsftädte in Franken und Schwaben fi) immer weiter ausbreiten und jchlieglic) ganz Deutfchland in fid werde aufnehmen können. So wenig Das eigentlich in den Abfichten der Berliner Politit lag, jo ließ e8 doch Hardenberg an Bemühungen im Sinne diejes Gedankens nicht fehlen. Gleichzeitig brachte er, wie ihm denn dies von Berlin aus wiederholt aufgetragen wurde, bei Barthelemy eine Erklärung über die Rüdgabe der linksrheinifchen deutjchen Lande in Anregung !). Aber weder die Neutralifation von Mainz nod eine Zuficherung wegen Herftellung der alten Grenzen ließ fid bei der franzöfifchen Regierung durchjegen. Senes lehnte man mit dem Einwande ab, daß dadurd) nur der Friede verzögert werde; die Entjcheidung über die Grenzen verwies man auf die zukünftige Friedensverhandlung.
Diefe unfruchtbaren Unterhandlungen erlitten gegen Ende Mai 1795 dadurd) eine Unterbrechung, daß Hardenberg, beunruhigt durch die Mittheilungen franzöfifcher NRepräfentanten wegen einer bejonderen Verhandlung Franfreidé mit Ofterreich, zu perfünlicher Rüdiprade mit König und Minifterium nad) Berlin eilte, während er gleichzeitig feinen alten Lebrer den Geh. Legationgrath) %. Gervinus?) nach Paris jchidte.
In Berlin traf Hardenberg die leitenden Kreije in gefpannter Erwartung, welches Conclufum aus der am 1. Juni in Regensburg wirklich er öffneten reichstäglihen Berathung hervorgehen werde. Unter dem heftigen Gegeneinanberwirten der preußifchen Partei, welche dem Könige einen entjcheidenden Antheil an der Friedensverhandlung fidern wollte, und Der öfterreichifchen Partei, welche den abtrünnigen NReichsftand ganz davon auszufchließen tradtete, fam erft am 3. Juli ein Reichsconclujum zu Stande, welches zwar der in Deutjchland herrjchenden Friedensjehnjucht öffentlich Ausdrud gab und Frankfurt als Ort für den Friedenscongreß empfahl, aber zugleich die thatjächliche Einleitung der Verhandlungen dem Kaifer übertrug und dem König von Preußen nur den Wunjc) ausfprad, er möge „zu Erreihung eines allgemeinen die Integrität und die Verfafjung des Reichs fihernden Friedens... feine beihilfliche Verwendung und Mitwirkung eintreten Laffen “.
Das Conclufum war nod einmal ein Sieg DOfterreihe. Preußen hatte feinen Frieden in der Hoffnung gejchlofjen, damit den Anftoß zu einer baldigen Verhandlung über einen Reichsfrieden zu geben, bei der e8
1) Urt. Jr. 2. 5. 6.
2) Sal. Nadıtrag 1.