I. Preußens beutide BPolitit im Jahre 1795. XVII
eine entjcheidende Rolle als friedeftiftender Neichsftand zu fpielen erwartete ; aber innerhalb der alten Neichsformen überwog noch immer das hundertjährige Anfehen Ofterreihs den Einfluß des neu aufitrebenden Preußens. Indem e8 die nähere Beftimmung über die Einleitung der Verhandlungen dem Kaifer anheimgab, warf fic das alte Neich zum Lebten Male Ofter: reich in die Arme. Zugleich aber, wie fit bald berausftellen jollte, fblof dieje Entjcheidung gegen Preußen für Ofterreich die Entjcheidung gegen den drieden für die Fortjegung des Krieges in fich.
Der unleugbare Miferfolg der preußiichen Politit, der hierin lag, wurde in Berlin nicht von Allen in gleicher Schärfe empfunden. Wenn Alvensleben, der in der Bolitit eine febr nüchterne, realistische Richtung vertrat und deshalb bei allen wichtigen Anläffen feinem Kollegen Haugwiß erfolgloë zu opponiren liebte, fon vor dem Eintreffen des Reichsgutacd)tens die Anficht ausgefproden hatte, daß bei einer zweifelhaften Faflung dejjelben Preußen fic) am beften jeder ferneren Schritte enthalte'), fo glaubten Haugwig und Hardenberg durd die Erwähnung der preußifchen BVerwendung genug erreicht zu haben, um eine Änderung ihrer deutfchen Bolitit für unnöthig zu halten. Sie hörten jo wenig auf den Einfprucdh von Alvensleben, al3 auf die warnende Stimme Lucchefinis, der längft aus den europütihen Beziehungen Diterreichs zu Rußland und England die Unmöglichkeit einer Berftändig ıng in der deutjchen Friedensfrage für Preußen gefolgert hatte?). Während Thugut den Verfud einer Ausgleihung mit Preußen mit dem Verfuche einer Mohrenwäfche auf Eine Linie ftellte®), trugen fi Haugwig und Hardenberg mit dem jentimentalen Gedanfen, den Gegenfat der öfterreichifchen und preußifchen Intereffen durd eine perjünfie Zufammenkunft zwifchen Thugut und Haugwit aus der Welt zu fchaffen. Beide Staatsmänner waren unmuthig darüber, daß in dem Conclufum vom 3. Juli die Integrität des Neiches, das ja auch Belgien und Lüttic) umfaßte, jo ftart betont, dub die preubijhe Verwendung nur als eine beihilfliche bezeichnet und damit der Initiative des Kaifers untergeordnet wurde. So febr fie fi dagegen fträubten, die unangenehme Lage, in die Preußen durd) beide Beftimmungen gerieth, feit und Kar ins Auge zu fallen, jo hatten fie immerhin ein gewifles Gefühl davon, daß dadurd) eine Verhandlung jo gut als ausfichtslos und die preußische Politit zur Unthätigkeit verurteilt werde. Denn Frankreich) gegenüber die Integrität der alten Reichsgrenzen zu behaupten, war bod gar feine Hoffnung, und was von der Initiative des Kaifer8 zu erwarten ftanb, hatten die Berathungen in Regensburg gelehrt. Dennoch aber, felbft von den beiten und veinjten Abie sn glaubten fie, daß jchließlih aud Ofterreid und Frankreich
1) Dentidrift vom 29. Juni, Urf. Nr. 9.
2) Berichte aus Wien, 1. April 1795 u. a.
3) An Eollorebo, 24. Mai 1795.
XVII Einleitung.
Bernunft annehmen und zu einer ernftlichen Friedengunterhandlung fich herbeilaffen würden.
Diefen Gefinnungen der beiden Minifter entjprachen die Weifungen, mit denen Hardenberg im Juli 1795 Berlin wieder verließ, um das Friedensgefhäft in Bafel von neuem in Angriff zu nehmen. Er wurde beauftragt, den Franzofen von der Anrufung der preußifchen Verwendung im Reichsconclufum Kenntniß zu geben und zunächt den Abjchluß eines Waffenftillftandes in Anregung zu bringen. VIS fernere Gegenftände der Unter: handlung bezeichnete man eine vorläufige Vereinbarung über die Friedensgrundlage. Man wünfchte das Princip der Herjtellung der Grenzen vor dem Kriege angenommen zu feben, war jedoch ganz bereit zu Modifikationen deffelben die Hand zu bieten, durch welche die Grenzen der betheiligten Staaten in ihrer Vertheidigungsfähigfeit verjtärft würden — wir wiffen, woran Haugwiß bei diejer Andeutung dachte.
Auf der Reife nad) Bafel traf Hardenberg in Bayreuth mit Goert zufammen. Der Feldzugsplan, den fie für ihre fernere Thätigfeit vereinbarten und jchriftlich feftjtellten!), ijt ein Denkmal zugleich ihrer gut deutfchen Gefinnung und ihrer unklaren politischen Anjchauungen. Sie einigten fid dahin, die Unterhandlungen über den Reichsfrieden nur in völliger Übereinftimmung und Gemeinfamfeit mit dem Wiener Hofe zu führen, die größte Suvortommenbeit gegen die faiferlichen Dinifter jollte die Erreichung diejes Bieles ermöglichen. Die Unterhandlung follte fih nur auf einen Reichöfrieden richten, jedes bejondere Abkommen vermieden werden. Unter den Bedingungen des Friedens jelbjt betonten fie bejonders die Integrität der vier rheinischen Kurfürftenthümer und die Behauptung der Öfterreichichen Herrfchaft in Belgien. War es möglich, fich politifche Ziele zu fteden und Mittel zu ihrer Erreichung zu wählen, denen alle Wirklichkeit der Dinge mehr widerjprochen hätte?
Kaum in Bafel angelangt, begann Hardenberg feine Unterhandlung damit, daß er Barthélemy eine Note überreichte, in der er unter Hinweis auf das Reichsgutachten vom 3. Juli die guten Dienfte Preußens für einen Neichsfrieden anbot und den Abichluß eines Waffenftillftandes beantragte. Den lebteren Boridlag wies die franzöfiiche Regierung mit der Begründung zurüd, daß ein Waffenftillitand den Friedenzschluß nicht beichleunigen, fondern nur verzögern werde, fie fürchtete in der That, daß ein Waffenftillftand die Kriegsluft im franzöfiichen Heere ebenfo wie die Friedenzjehnfut bei den deutjchen Fürften verringern werde?). Die guten Dienfte Preußens dagegen verficherte man bereitwillig zulaffen zu wollen, fobald das Reid nur erft eine Unterhandlung wirklich angefnüpft babe (10. Auguft).
1) Plan de conduite concerté à Baireuth avec le comte de Goertz. 13. Suli 2) Bergl. die Inftruftion für Caillard, 10. September. Urf. Nr. 15.