IV. Senbung von Sieyes nah Berlin. 1798. XXXVII
bandlungen mehr der zu mafvollen, zu wenig energifhen Perjönlichkeit Gaillard'3 zuzuschreiben, als der Friedfertigfeit der preußijchen Regierung und ihrer Abneigung gegen die revolutionären Gewalten.
In Diejer Lage und in diefen Erwägungen war e8, daß man in Pais auf den Gedanken fam, den bisherigen franzöfiichen Gefanbdten in Berlin Gaillard abzuberufen und eine der marfanteften Berjönlichkeiten der Nevolution, den Er-Abbe Sieyes, an den preußischen Hof zu enden. Die Abficht, welche dabei vorwaltete, war, in der einen oder andern Weife eine Entjcheidung herbeizuführen. E3 war davon die Rede, daß Sieyes, wenn er in Berlin nicht zum Ziele fomme, nad Wien gehen und dort die objchwebenden Fragen mit Ofterreid zum Austrag bringen werde. Aus der umfangreihen Denktichrift '), die Durant de Mareuil im Auftrage Talleyrand'3 als Inftruftion für Sieyes ausarbeitete und die am 23. Mai die Genehmigung des Direftoriums erhielt, Läßt fi) entnehmen, in welcher Weije man auf Preußen einzuwirfen dachte. Mean geht davon aus, daß Preußen burd Die Rüdfidten auf feine augenblidlihe Rube und auf feine dereinftige Vergrößerung zu der engften Allianz mit Sranfreic) gendthigt werde. Denn von Dfterreid, Das Preußen nie für einen gleihberechtigten Staat anerkennen, nie den Abfall von der Coalition verzeihen werde, babe e3 nicht? zu erwarten, würden ihm wirklich Vergrößerungen zuge: ftanden, jo werde Dfterreich für fid) felbft bei weitem beträchtlichere in An- Ipruch nehmen. Im Bunde mit Frankreich dagegen fünne Preußen jeine Befigungen abrunden und neue Erwerbungen machen, ohne daß fid) Ofterreid in gleichem Maße vergrößere. Das alles aber Lafje fid erreichen, ohne Krieg, durch die bloße Thatjache der Allianz. Denn dem preußiich-franzöfiichen Bunde würden Spanien, Holland, die Schweiz, Schweden, Dänemark, Die italienischen Republifen und ein großer Theil der deutjchen Reichgftände fich anzujchließen eilen; welcher Staat aber würde dem ausgejprochenen Willen diejes Bundes fic zu widerjegen wagen? In der Allianz mit drantreid liege alfo für Preußen zugleich Vergrößerung und Friede.
Mit diefen Aufträgen, Die nicht ungefchidt auf die Bebürfniffe des preußifchen Staates berechnet waren, machte jic) der Abbe Sieyes im Juni 1798 nad) Berlin auf den Weg. | ES wäre faum möglich geweien, eine Unterhandlung von jo jchwerwiegender und für Frankreicd) entjcheidender Bedeutung in die Hände eines Mannes zu legen, der zur glüdlichen Dur: führung berjelben weniger geeignet gewejen wäre, al8 der Abbe Gienès.! Ale Welt fennt und kannte jchon damals das harte jchneidende Wefen diejes revolutionären Doftrinürs, beffen jelbjtbewußte Starrheit einer diplomatischen Unterhandlung unüberwindliche Hinderniffe in den Weg legte. ES bezeichnet die Anjchauungen, von denen er bei feiner jtaatsmännifchen Thätigfeit fich damals leiten ließ, daß er die Furcht für dag wahre Aftions-
1) Bergl. ©. 473—480.
XXXVIII Einleitung.
prinzip zwijchen Regierungen erflärte!). Bon vornherein war e8 für die ihm übertragene Aufgabe von der ungünftigiten Borbebeutung, daß man in Berlin auf die erfte Nachricht von feiner Ernennung fogleid energifche Schritte that, um diefelbe rüdgängig zu mahen. Man hätte am liebjten Eaillard behalten, mit dem man alle Urjache Hatte zufrieden zu fein. Der Ankunft von Sieyes fab man mit befonderer Unruhe entgegen, da man von ihm Auftritte bejorgte, wie fie mit den franzöfifchen Gejandten damals jo häufig vorfamen. Allein e8 gelang nicht, den Widerruf der Ernennung durchzujegen: in der Nacht vom 22. zum 23. Juni traf Sieyes in Berlin ein.
Gleich in der Antrittsaudienz, die er am 5. Juli bei König Friedrid) Wilhelm LIT. hatte, ließ Sieyes durchbliden, daß feine Sendung die Herftellung inniger Beziehungen zwifchen Preußen und Franfreid) zum Ziele babe. Der König begnügte fi mit der Verficherung zu antworten, daß er baë zwijchen beiden Staaten beftehende freundichaftliche Verhältniß aufrecht zu erhalten wine. Mehr Anklang jchien Sieyes mit feinen An: deutungen bei dem Generalabjutanten des Königs, der zugleich für feinen Günftling galt, dem Dberften Zaftrow, zu finden. Er erflärte demfelben, Frankreich werde Frieden jchließen mit, obne oder gegen Preußen, und die Antworten des Oberiten lauteten jo freundichaftlid) für Granfreid, daß er eine Allianz thatjählih, wenn aud nicht formell, zu erreichen Hoffnung faßte. Graf Haugwiß dagegen, mit dem Sieyes gleichzeitig in die Unterhandlung eintrat, zeigte fi) den Eröffnungen des franzöfiichen Gejandten nur wenig zugänglid. Haugwig blieb dabei, daß vor allen weiteren Verabredungen mit Preußen Frankreich fid in Raftatt nachgiebig zeigen und den Frieden mit dem deutjchen Reiche zum Abjchluß bringen müffe. Infolge einer Äußerung des Gejandten, daß man fid) darüber in Berlin verjtändigen könne, ließ ihm Gaugwit eine ausführliche Denkjchrift überreichen, in der alle zwijchen Frankreih und bem deutjchen Reiche jchwebenden Streitpunite ausfübrlid erörtert und das deutfche AIntereffe mit Entichiedenheit wahrgenommen wurde?). So aber hatte e8 Gieyes nicht gemeint. Ihm kam e8 nicht darauf an, durd Ausgleihung der einzelnen Streitfragen den Frieden anzubahnen , feine Abficht ging vielmehr dahin, durd) eine Allianz mit Preußen die widerftrebenden Reichsftände und befonders Ofterreich zur Nachgiebigkeit und zum Frieden zu zwingen. Er erflärte, die von Haugwig angeregten Fragen gehörten nad) Raftatt, und weigerte fid, die Dentihrift feiner Regierung zu überjenden. Überhaupt aber war er höchft unzufrieden mit Haugwig. Er fand, daß der preußische Minifter feine Andeutungen nicht verfteben wolle, daß die Antworten, die derjelbe ihm gebe,
1) An Zalleyrand, 14. Auguft 1798: „Je crois à la maxime que la peur est le véritable principe d'action entre gouvernements«. 2) Bergl. die Dentibrift vom 3. Auguft 1798, ©. 221.