‹ Preussen und Frankreich von 1795 bis 1807Chapitre 12 sur 234 · IV. Sendung von Sieyeß nach Berlin. 1798. XXXIX · texte numérisé non relu

IV. Sendung von Sieyeß nach Berlin. 1798. XXXIX

inhaltleer feien‘). Mad einigen Befpreungen, in denen er vergeblich verjuchte, das politife Syftem des Grafen zu erfchüttern, überzeugte er ih, daß er auf diefem Wege nicht zu feinem Biele gelangen werde. Er wandte fi) deshalb wieder an den Oberften Zaftrow, indem er ihm eröffnete, die Frage fei jebt nur, ob Preußen eine Vergrößerung Öfterreichs au: geben oder fit mit Frankreich derfelben widerfegen wolle. Er fügte die Drohung Hinzu, daß Frankreich, wenn es fit von Preußen im Stid) gelaffen febe, fich mit Ofterreich werde verftändigen müffen, fo febr e8 einer Vereinbarung mit Preußen den Vorzug gebe?). Da er gleichzeitig in bderfelben Weife, wie früher Gaillard, die Nothwendigfeit einer Verftändigung zwilchen Granfreid und Preußen damit begründete, daß diefelbe den Frieden auf dem Feltlande zur Folge haben werde, jo nahm König Friedrid) Wilhelm, dem Zaftrow über feine Unterredungen mit Sieyes berichtet hatte, davon Anlaß, feine Vermittlung zwifchen Frankreich und Ofterreich anzubieten). Man deutete an, daß man Grund babe anzunehmen, Dfterreich werde fich entgegenfommend zeigen und auf fernere Vergrößerungen verzid)ten, fprad) dabei aber die beftimmte Erwartung aus, daß Franfreid nun aud jeinerjeit3 alle über das Princip der Rheingrenze hinausgehenden Aniprüche fallen Lafjen werde. Sieyes, ohne die Vermittelung anzunehmen oder abzulehnen, begnügte fich, feinen Dank dafür auszufprechen und das Anerbieten nad) Paris zu übermitteln. Er machte übrigens fein Hehl daraus, daß er etwas anderes alé einen Vermittelungsantrag erwarte, feiner Regie rung aber bezeichnete er diefen Schritt des preubifhen Minifteriums geradezu als lächerlich, abgejchmadt und hinterliftig.

Inzwilchen war man in Paris über den langjamen Gang der Dinge in Berlin bereit3 ungeduldig geworden; wiederholt und entjchieden drängte man den Gefandten, die Verhandlung mit Preußen zu irgend einem Abihluß zu bringen. Man fühlte, daß bei dem dermaligen Zuftande, bei der Ungewißheit zwifchen Krieg und Frieden, das Antereffe der Republik auf das ernftlichfte gefährdet jei und eine Entjcheidung in der einen oder der andern Richtung nicht länger hinausgejchoben werden fünne®). Preußen möge fi, jo wurde dem Gejandten gejchrieben, endlich entjchließen, ein aufrichtiger und thätiger Bundesgenofje Frankreichs zu werden, und die Republif werde ihre Erfenntlichkeit beweifen, im andern Falle werde Franreich wiffen, ohne Preußen fertig zu werden.

Mit diefem dringenden Wunfche, Preußen bod nod zu einer Berftändigung zu beftimmen, hing es zufammen, daß fich in der franzöfifchen Bolitit unter der Leitung Æalleyrand' 8 damals eine Wendung im Sinne eines gemäßigteren Syftems vollzog (Auguft 1798). Talleyrand, der alle-

1) Bergl. ben Bericht vom 28. Juli, ©. 483.

2) Bgl. Aufzeihnung von Zaftrew, S. 230.

3) Bergl. Url. Nr. 196ff.

4) Bergl. Erlaß an Sieves, 24. Juli 1798, S 482.

XL Einleitung.

zeit und allen Regierungen, denen er diente, Bejonnenheit und Mafhalten gepredigt bat, lebte der Überzeugung, daß die Republit zu ihrer inneren Feltigung vor allem des Friedens bebiürfe. Er war auf der einen Seite ebenjo jehr gegen die Einmifhung in die Verbültniffe Italiens, wo die republifanische Staatsform jchwerlih Wurzel fafjen werde, als er andrerjeits Zugeftändnifje in der Verhandlung mit Deutjchland befürwortete, die im Snterefje des Friedens unerläßlich feien. Rewbell, der fonft die gewaltjamften und leidenjchaftlichiten Entjchlüfje zu vertreten pflegte, war gerade durch Krankheit von den Gejchäften ferngebalten. Aus Raftatt war der bejonnenjte der franzöfiichen Bevollmächtigten, Roberjot, nad) Paris gefommen und hatte fid ganz im Sinne Talleyrand'3 für eine verfühnliche Politit ausgejprochen. Dazu famen dann die Berichte von Sieyes über feine erjten Unterredungen mit Zaftrow, aus denen man die beften Hoffnungen für die Herjtellung einer Übereinkunft mit Preußen jchöpfte. Die Folge war, daß man fid dazu verftand, in mehreren Punkten, die namentlic) den Ehrenbreitjtein, die Schulden der linfsrheinichen Lande, die Emigrantengejeße, den Befis von Kehl und Kaftel betrafen, den von Preußen Iebhaft unterjtügten Forderungen der deutjchen TFriedensdeputation nachzugeben. Freilich aber war Talleyrand keineswegs gemeint, diefe Zugejtändniffe ohne Gegenleijtung zu machen. Zalleyrand war ein überzeugter und ebrlier Anhänger der Allianz mit Breußen in höherem Grade als irgend einer der franzöfiichen Staatsmänner, vielleicht Gaillard ausgenommen ; aber aud) er jah in bem norddeutjchen Gemeinwejen, wie e8 fi unter dem Schuße und der Leitung Preußens zu bilden anfing, dod nur eine Mafje von Kraft und Madt, die unter allen Umjtänden und mit allen Mitteln für die Ziwede der franzöfifchen Republit in Bewegung gejeßt werden müfje.

Æalleyrand richtete demgemäß an die preußifche Regierung die Horde rung, im Verein mit Ofterreid eine Erflärung zu erlaffen, nad) welder beide Staaten auf alle Entihübdigungen und VBergrößerungen innerhalb des deutschen Reiches verzichten würden. Zugleid) ließ er für den Reichsfrieden die Beftimmung in Vorjchlag bringen, daß nur die weltlichen Fürjten Entidübigungen erhalten jollten. Beide Forderungen fanden in Preußen eine günftige Aufnahme: man war es zufrieden, jelbjt feine Entihädigungen zu erhalten, wenn nur aud Ofterreid deren verluftig gehe.

Indem num aber Talleyrand durch dieje Verabredungen mit Preußen und burd jene Zugeftändnifje den Weg zum Neichsfrieden gebabnt zu baben meinte, faßte er gleichzeitig bas Verhältnig Ofterreich® und Frankreichs zu Italien ins Auge. Er begünftigte, wie berührt, in feiner Weife Die revolutionären Bewegungen in Stalien, aber nod wichtiger erichien es ihm, auch Ofterreich jede Möglichkeit einer Gebietserweiterung in Italien zu nebmen. Zu diefem Zwede fam er auf den Gedanken, wie er den territorialen Zuftand Deutjchlands burd eine Vereinbarung mit Preußen gegen Dfterreich ficher zu ftellen dachte, auch den Beftand der italienischen Staaten

Page 1