Fürft Hohenlohe und Hardenberg. Graf Haugwiß
Um der in einem meiner lebten ganz gehorfamften Berichte enthaltenen Zufage Genug zu thun, verfäume ich nidt, Ew. €. erleuchteten Einficht dasjenige Bild zu unterlegen, was id aus mehreren vertrauten Unterredungen mit dem dürften v. Hohenlohe, welcher mir fotvobl vieles Zutrauen erwiefen, al3 aud) mir immer aufridtigere und reblidere Gefinnungen zu hegen gefhienen bat, als gewöhnlich hier anzutreffen find, und aus manchen Äußerungen des Herrn Grafen dv. Haugwiß entwerfen zu können veranlaßt worden bin, in welchem alle Gegenftände von dem Kampfe des Königs zwiichen feinem inneren Triebe, fih um Waffen: und politiihen Ruhm zu bewerben, und zwifchen bem Wunfche, feiner Staaten Ruhe zu erhalten, getheilte Neigung, wie aud von der daraus fließenden Unfchlüffigkeit ihre Geftalt erhalten.
Unter die Einfluß habenden Berfonen gehören nebft bem General Biichoffwerber und dem Grafen Haugmwiß jebt auch der Fürft Hohenlohe, und, obwohl weniger als fonft, aud der Freiherr von Hardenberg ; deren die beiden Erften Eines Schrittes in allem febr vorfichtig zu Werke gehen und das Zutrauen des Königs gegen den Fürften Hohenlohe, welcher fein Urtheil dem König mit aller dreimüthigteit vorträgt, nicht gerne zu fehen jcheinen, dennoch aber ihn möglichit bei gutem Willen zu erhalten fuchen !). Hohenlohe hatte anfänglid dem König geradezu gerathen, wieder in die Eoalition zu treten, wohin aud) die Meinung bes Sreiberrn von Hardenberg ging; fpâter aber bewog ihn der begegnete Biberftand, der Idee eines bewaffneten Neutralität3-Syftems beizutreten, von dem er in feinem Inneren hoffte, daß es doch wieder zum Exrnfte führen würde. Eine, Gott weiß durch wen, erbadte Infinuation aber, daß Hohenlohe'3 Abficht fei, ben Freiherrn von Hardenberg ftatt des Grafen Haugwih in das Minifterium zu bringen ?2), machte, daß man eine ganze Zeit hindurch den Sreiberrn von Harben-
1) Bergl. Caillarb’s Bericht vom 2. April 1796, ©. 439. 2) Bergl. das Schreiben Harbenberg's an Bijchoffwerber, S. 56.
Berichte des Firften Neuf aus Berlin. 531
berg febr falt behandelte, und daß man fo viel al8 möglich vor bem Fürften 1796 Hohenlohe veritedte, was eigentlich vor war; feit welcher Zeit aud der Freiherr Rän 30. dv. Hardenberg aus dem Spiel geblieben zu fein fcheint. Indeffen konnte man nicht verhindern, daß der König dem Fürften Hohenlohe überhaupt febr vorzüglich begegnete, feine Meinung anhörte und über die vorliegenden Gefchäfte vertraulich mit ihm fprah. Auf der andern Seite aber veranlaßt der Umjtand, daß der König jeden Gegenjtand mit dem Grafen Gaugwib überlegt und die Behutfamfeit, mit welcher der General Bijchoffiwerder e8 vermeidet, gegen die Meinung des Grafen Haugwig anzuftoßen, daß lebterer bennod jede Sache nad) feiner Weife zu leiten im Stande bleibt.
Dieje Beife nun fcheint mir vorzüglich darin zu beftehen, daß der hiefige Hof durch die vorliegenden Eritifchen Umstände fich dergeftalt durchzuminden fuchen müffe, daß er hierbei weder gegen biefe noch jene Macht fid zu etwas verbindlich made, wodurd er in größere Verlegenheit fommen könnte; welches jebt um fo mehr zu thun giebt, al3 Graf Haugwig noch immer den größten Werth auf die Neutralität des nördlichen Deutjchlands zu feben fcheint, bis jebt vergebens auf eine befriedigende, fchon fo lange erwartete Antwort der franzöfifchen Regierung wartet und fich nicht bergen kann, daß Preußen in jedem Salle gar leicht ins Gedränge kommen könne. Hiernächjft glaube ich zwar den Berfiherungen des Grafen Haugmwit und des Generals Bifchoffwerder, daß fie ein gutes Einvernehmen mit des Kaifers Majeftät wirklich wünfden, den Glauben nicht abjprechen zu follen ; e8 fcheint aber zu den Eigenheiten der hiefigen Gefchäftsführer zu gehören, daß fie ein folches Einvernehmen in der Annahme ihrer für andere Staaten für nüßlich gehaltenen Borjchläge mit vorgefaßter Meinung bejtehen machen wollen.
Da aud der Fürjt Hohenlohe, welcher aus den mit dem Lord Elgin gepflogenen Unterredungen die Idee jchöpfen zu können geglaubt bat, England winfche den Frieden und fei nicht gegen eine preußifche Mediation, fich überredet, e3 werde für die öfterreihifchen Staaten erfprießlich fein, wenn Preußen der Auftrag gegeben werde, Frankreich den Frieden im Namen der coalifirten Mächte anzutragen, und diefen Antrag an der Spihe einer formidabeln Armee zur Sprache brächte, fo findet biefe feine Meinung, jo viel id mit Grunde aus mehreren Bemerfungen folgern zu können glaube, bei bem Grafen Haugwig und dem General Bifchoffwerder keinen Beifall und wird alfo aud) jchtwerlich ftattfinden, obgleich beide wünfchen, daß wenn e3 nicht zum Frieden fommen follte, Dfterreich und England den König zu ihrem Vermittler wählen möchten, ohne daß er jedoch hiebei’ in irgend eine Gefahr gefebt werde.
Aus diefer kurzen Darftellung fheint alfo abgezogen werden zu fünnen, daß durch keinen Nebenweg (welcher zwar forgfältig und foviel möglich offen zu halten fein dürfte) etwas Fejtes und Zuverläffiges zu erhalten fein werde, daß man aber in jeder Sade, welche bem allerhöchjiten Hofe nüblid fcheinen wird, blos auf ben Grafen Haugwig zu wirken und ihn bei dem Glauben zu erhalten fuchen müffe, daß man fid blos an ihn halte, dem man im Ganzen die Gerechtigkeit widerfahren zu laffen nicht umhin fann, daß in feinen Grundfäßen keine Gebäffigteit gegen unfern Hof herrfche, und überhaupt, daß vielmehr Gutmüthigkeit den Grundzug feines Charakters ausmade . . .
Aug. 23.
532 Fünfter Anhang. Urkunde No. 3.
3. Die Miffion Hammend’s nad Berlin und die Anträge Euglands an Preußen.
Aus meinem legten ganz gehorfamften Berichte vom 19. d. geruhen Ew. E. hochgeneigt zu erjehen, wie id noch vor Empfang Hochdero unterm 13!" an mic erlaffenen gezifferten Weifung alle meine Aufmerkfamkeit auf die Ubficht der Anbertunft des Heren Hammond gerichtet hatte, und worin die erften Eröffnungen der enalijen Herrn Minifter beftanden. In Folgendem eile ich, jowohl das, was der Lord Elgin und der Herr Hammond feitdem mir vertraut haben, als auch jene Vermutungen nadzutragen, welde biefer ganze Hergang veranlafjen möchte.
Erjtgedachter Minifter (nachdem beide, wie ich in meinem Schreiben vom 19. No. 72 anzuzeigen die Ehre hatte, mich mit dem Endzwede des englifhen Cabinets kürzlich befannt gemacht hatten, und obgleich der Herr Hammond den ganzen Verlauf jeiner Unterhandlung dem Chevalier Eden !) durch den gejtrigen Gurier in der Abficht mittheilte, damit diefer Ew. E. ausführliche Eröffnung bievon gebe) vertraute mir gejtern Abend: die Sendung des Herm Hammond fei eigentlich an des Königs Maj. in Pyrmont gerichtet gemelen, und babe den Zwed gehabt, im alle er bei S. M. die gehörige Einficht der Gefahr entdeden jollte, welche aus den nunmehr am Tage liegenden Vergrößerungs - Abfichten Frankreichs für alle übrigen Reiche nur zu deutlich erwiejen fei, den König zu fondiren, ob S. M. fi zu einer Übereinkunft mit des Kaijers Majeftät und dem König von England verjtehen wollten, wonad der franzöfischen Regierung unter Bedingungen, bei welden das Anjchen und die Vortheile der drei Höfe das Hauptaugenmerk fein müßten, Friedens-Unterhandlungen vorgefchlagen werden fünnten, und ob der König, wenn er von der Nothwendigkfeit überzeugt fein werde, daß den franzöfischen Fortfchritten Grenze gefebt werden müßte, dieje an Franfreich gelangen zu lafjenden Friedensvorjchläge, wenn fie abgewiefen würden, felbe mit gewaffneter Hand zu unterjtüßen fich verpflichten wolle? Da nun aber der König in Pyrmont nicht mehr zu erreichen gewefen fei?), und folglich bas Minifterium dahier nicht babe umgangen werden fünnen, fo habe man dem Grafen Haugmwih den ganzen Auftrag in extenso vorgetragen, und denjelben gebeten, ihnen beiden engliichen Bevollmächtigten eine Audienz bei des Königs Majeftät zu erbitten. Diejfer Minifter babe auch durch eigene Wiederholung jedes Punktes die richtige Saffung des Sinnes derfelben beftätiget, jedoch über ihren Eindrud auf ibn jelbit fich nicht geäußert, wohl aber in Beziehung auf die vorliegenden Umftände überhaupt data eingeflochten, deren vollfommenen Ungrund ihm zu bes weijen der Herr Hammond ebenfo jehr im Stande, als befliffen gemwefen fei. Des Königs Majejtät hätten in der ertheilten Audienz den in dem Antrage aufge jtellten Sägen nicht allein vollfommen beigepflichtet, fondern hätten auc) die dee, den franzöjiichen Abjichten Einhalt zu thun, zur Herftellung der Ordnung mitzuwirfen, und hierzu im Salle der Noth die Macht der Waffen zu gebrauchen, mit außerordentlihem Wohlgefallen ergriffen, und fi im Ganzen fehr nad) Wunjche, biernäcdit aber dahin geäußert: Sie würden dem Minifterium auf: tragen, das Weitere mit Lord Elgin und Herrn Hammond abzureden.
1) Englifcher Gcfanbter in Wien.
2) Am 7. Auguft war der König nad Potsdam zurüdgelehrt, am 15. kam Hammond in Berlin an, am 18. batte er Audienz beim König in Sansjonci.
Berichte des Fürften Neuß aus Berlin. 533
Nad) der Burüdtunft. des Tages darauf nad) Potsdam berufenen Grafen Haugwiß hätten fie um eine fernere Unterredung mit demfelben gebeten, und hätten endlich auf ein Deswegen an ihn gerichtetes Billet eine in Form eines Particular-Schreibens abgefaßte Rüdantwort erhalten (Lord Elgin las fie mir vor, bewilligte mir aber feine Abjchrift), durch welche der Herr Graf Haugwit gewähnt haben möchte, den Herrn Hammond abgefertiget zu haben. Sn diefer Antwort wiederhole der Graf Haugwig zum Scheine die Auftrags: Punkte des Herrn Gammond, ohne irgend welcher angetragenen Vortheile zu erwähnen, fo wie aucd) die von dem König in der Audienz ertheilte Antwort, aber zur größten Berwunderung beider ganz verdreht, und jchließe Damit: der König werde fich unendlich gefchmeichelt fühlen, wenn DOfterreih und England Shn mit ihren Berabredungen befannt machen wollten, und Er werde alddanı mit außerordentlihem Vergnügen zur Friedftiftung im Wege der Negoziation beitragen, welches aber aud) das einzige Mittel fei que lui permettaient ses relations actuelles. Hierauf nun babe man dem Grafen Haugwib ungefäumt erwiedert: aus feiner Antwort erhelle, daß er dem Sinne der Aufträge des englifhen Cabinet eine ganz entgegengefehte Auslegung gebe, e8 jei daher eine zweite Unterredung zur Berbefflerung diefer Mifverjtändniffe nothwendig. ES fei demnad) die geftrige Eonferenz erfolgt, in welcher man dem Grafen Haugwiß fo beftimmt als möglich wiederholt habe: e8 eriftire noch feine Verabredung zwifchen England und Dfterrei ; man habe nicht des Königs Mediation begehrt, fonbern dem König vorge: ihlagen, unter gehöriger Erwägung der höchit gefährlichen Lage der Dinge in ein Concert mit Ofterreid und England zur Entwerfung eines Planes zu treten, nac welchem der Friede hergeftellet und der Vortheil der drei Mächte befördert werden möchte, in biefer Borausfeßung fobann vom König erwartet, daß Er, der bei der gewagten Stellung der feindlichen Armeen zu derfelben gänzfichen Über: wältigung ohne große Anftrengung mitwirken könne, die von den drei Mächten vorgejchriebenen Friedensbedingniffe mit gewaffneter Hand durhjeßen helfen würde, Alles beffen ungeachtet fei aber der Graf Haugwit bei feinen Hußerungen geblieben, und da er zulett bejtimmt erklärt habe: der König werde auf feine Weife betvogen werden fünnen, wieder mit den Waffen in der Hand zur Coalition zu treten, jo habe der Herr Hammond die Unterhandlung als abgebrochen angejehen, und feine Silbe fchriftlich von fich gegeben. Auf die fehr nahdrüdlich an den Grafen Haugmwi gerichtete Frage: was er in feinem Schreiben durch die relations actuelles du Roi jagen wolle, habe derfelbe hoch und theuer verfichert, diefe Worte bedeuteten nichts anders, als das durch den Basler Frieden hervor gebrachte Berbältnif, außer weldem Fein einziges Wort anderweitiger Berabredungen mit Sranfreid weder beftebe, mod im Werke fei.
Wenn nun auch den volljtändigeren Bericht des Herrn Hammond der Chevalier Eden Ew. E. ebenfo vollitändig mittheilen follte, fo erachte ich es dennoch meiner Pflicht, Hochdero erleuchteten Einficht alles mir Mitgetheilte hier offen zu legen, und ebenfalls angubeuten, welche wefentliche Dinge meiner Mitwiffenichaft vorenthalten worden find. C8 ift nämlich aller angewendeten Mühe und Mittel unerachtet mir nicht gelungen, weder von dem Lord Elgin, no weniger von dem ungleich verjchloffeneren Herrn Hammond zu erforjchen, worin die Vortheile beftehen, welche England dem hiefigen Hofe angeboten bat; Herr
Aug. 23,
Aug. 23.
Juni 6.
534 Fünfter Anhang. Urkunden No. 3—6.
Hammond {prad nur von dem, was erft angeboten werden follte, aus des Lords Elgin Erwähnungen hingegen babe ich alle Urfache zu vermuthen, daß die Anerbietungen dem Grafen Haugwit wirklich artifulirt worden find. Da ich biesfall3 näher in ihn drang, glaubte er mich mit der feierlichen Verfiherung zu befriedigen, daß alle Haupt- und geheimen Punkte der Hammond’ichen Aufträge Ew. €. burd den Herrn Grafen von Starhemberg !), aud von dem Lord Grenville im Duplicate an den Herrn Eden zugefommen feien. Daburd wird aber mein Zweifel nicht gehoben, ob nicht entweder unter diefer Sendung folche Abfichten verhüllet liegen, die man fo lange möglich dem Blide unferes Hofes entziehen will, oder ob etwa Elgin und Hammond nur beforgten, daß id den Herrn dv. Kalytihew mit ins Vertrauen ziehen möchte; diejen fcheinen fie aber von dem Vertrauen ausgeichloffen twiffen zu wollen; oder endlich ob fie diejen legten Grund nur zum Schein wählten, um fid meiner dringenden Erfundigungen zu entledigen. ch werde feine Mühe fparen, um auf irgend einem anderen Wege die Sache dennoch ins Helle zu bringen. So viel ift mir unterbeffen außer Zweifel, daß Herr Hammond über die febr armfelig vorgebrachten Aus: flüchte, über die unwahren Angaben, und nod mehr über eine vorjähliche Verdrehung der englifchen Anträge, am höchften aber über die mit der eigenen mündlien Äußerung des Königs im vollen Widerfpruche ftehende Antwort des Grafen Daugwit aufgebradt ift. Die Urfache zu der trodenen Ablehnung feiner Unträge jcheint Herr Hammond in wirklichen Berabredungen zu fuden, welche Preußen, feiner Bermuthung nad, mit Frankreich über die VBortheile getroffen bat, welche der biefige Hof von dem Schluß des künftigen Friedens hofft. Übrigens fand ich den Herrn Hammond in einer Stimmung, als wollte er verjuchen, den König noch einmal über feinen Gegenftand zu jprechen, um womöglich Höchjtdemfelben (wie er fid ausdrüdte) die Augen zu öffnen, wobei denn des Grafen Haugwig nothwendig würde gedacht werden müffen.
Da weder Lord Elgin nod Herr Hammond über die Wejenheit der angetragenen Vortheile ich herausließen, fo ift mir unmöglich zu beurtheilen, ob das hiefige Ablehnen der Vorfchläge daher rühre, weil man größere Vortheile und Subfidien erwartete, oder ob e8 an der Beftimmtheit der VBerfprehungen gefehlt babe, oder ob man mit Frankreich wirklich Schon eine reichere Beute ich auserfeben babe. Soviel darf man unterdefjen immer für gewiß annehmen, daß der hiefige Hof den Plan feiner Entjchädigung für die auf dem linken Rheinufer an Srantreid oder Holland abzugebenden Befitungen und der Vergeltung aller feiner Frankreich zum Nachtheil fo vieler anderer Staaten erwiejenen Gefälligfeiten längft feftaefebt babe, und felbe nunmehr mit Gewißheit des Erfolges erwarte...