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II. Franzöfiihe Allianz-Anträge an Preußen. 1797. 1798. XXIX

lands zu dem Kriege gegen Ofterreid in der einen oder der anderen Weife heranzuziehen. Man ließ e8 weder in Paris bei dem preußifchen Gefandten nod) in Berlin bei dem Meinifterium an Anftrengungen in diejer Richtung fehlen. Man behauptete, e8 läge im eigenften Intereffe Preubens, jein Gewicht für Frankreich in die Wagjchale zu werfen, denn e8 jei andernfalls nicht ausgejchloffen, daß Frankreich aus Erichöpfung in einen drieben werde willigen müfjen, der aud für Preußen bedenkliche Folgen haben könne. Hijtorifch vielleicht am merkwürdigften ift e8, daß Preußen dabei von franzöfiicher Seite zugleich) aufgefordert wurde, die größeren Staaten Norddeutichlands, bejonders Sadjjen und Helfen, durch enge Bündnifje fejter an fich zu fchließen . Man begünftigte eben die Ausbreitung der preußifchen Macht über Norddeutichland, für die mit dem Bertrage vom 5. August eine fefte Grundlage geichaffen war: in der Vorausfegung freilich, daß der jo erftarfte preußische Staat fid) in den Dienft der franzöfiichen Interefjen ftellen werde. Man wünidte gleichzeitig, denn man jah einem Angriff von ruffischer Seite entgegen, daß Preußen auch mit der Porte und Schweden in Allianz trete.

Es verjteht fi, daß alle diefe Gedanten und Entwürfe, jo angelegentlid fie von Paris aus empfohlen wurden, in Berlin auf eine Abneigung ftießen, die alle Beredfamfeit Gaillard 8 vergebens zu überwinden itrebte. Der Gegenjaß, der bei aller Interefjengemeinjchaft die Politik der beiden Staaten fdieb, war zu tiefgehend, als daß er durch Verhandlungen hätte ausgeglichen werden fünnen. In Paris fudte man die Verbindung mit Preußen, um den Krieg mit Ofterreich durchzuführen und zu einem vortheilhaften Frieden zu gelangen; in Berlin winjchte man die Verbindung mit Frankreich, um fi) dem ungeftörten Genufje des Friedens bingeben zu fünnen: dort wollte man erft Allianz und dann Frieden, hier erft drieben und dann gute Freundichaft.

Die Verhandlungen zwifchen Frankreich und Preußen, die fich inner: halb des eben bezeichneten Gebantentreijes langjam und unfruchtbar fort: bewegten, nahmen erjt mit dem Beginn des Jahres 1797 wieder einen lebhafteren Gang an. Der Tod der Kaiferin Katharina, der erfolgte, als fie ji) eben zum Angriff gegen Frankreich rüftete, hatte die Geftalt der europäifchen Berbältniffe mit Einem Schlage verändert: Dfterreich fab fid der Hoffnung auf ruffife Hülfe vorläufig beraubt, für Frankreich eröffnete fit Die Möglichkeit auf Ausgleihung feines Zerwürfniffes mit Rußland, Preußen gewann durch die Freundichaft des neuen Kaifer® von Rußland eine erhöhte politiiche Bedeutung. Dieje Lage der Dinge glaubte man in Frankreich zu einem erneuten und ernjtlichen Friedensverfuche benuben zu

1) Bericht Gaillarb’s, 8. November 1796: »Je ne perds pas de vue d’unir par une alliance étroite la Saxe et la Hesse à la Prusse et toutes les trois à la Républiquer. Bergl. and Bericht Gaillarb's vom 4. Oftober 1796 ©. 447.

XXX Einleitung.

fünnen. Während — e8 war um die Mitte Januar 1797 — in Italien Clarke zu unmittelbaren Verhandlungen mit Thugut bevollmächtigt wurde, erging gleichzeitig an Gaillard in Berlin die Weifung, das Berliner Kabinet zu einer Einwirkung auf Ofterreid im Sinne des Friedens zu be- Îtimmen. Die Hauptjache war dabei, daß man andeutete, Frankreich wolle im Interejje des Friedens nicht mehr unbedingt auf Abtretung des Linken Rheinufers befteben !).

Sp gern man fich dies Zugeftändnig Frankreichs, auf das man trot des lebten Vertrages nie aufgehört hatte zu dringen, in Berlin gefallen ließ, jo war man darum doch keineswegs gejonnen, von der Linie der Neutralität einen Schritt breit abzuweichen. Auf das Verlangen von Gaillard, Preußen möge im Verein mit Sadjen und Hefjen durd) eine energifche Erklärung Ofterreid zum Frieden nöthigen, erklärte fig Graf Haugwig zwar bereit, in freundfchaftlicher Weife Ofterreih von ben friedlichen Gefinnungen Franfreihg zu verftändigen, verlangte indeß, ehe Preußen eine wirkliche Vermittlung übernehme und Friedensbedingungen voridlage, Die ausdrüdliche Anerkennung der Integrität des deutfchen Reiches. Überdies aber bob er die Nothwendigfeit hervor, einen ähnlichen Schritt wie in Wien aud in London zu unternehmen, da ohnehin Dfterreich ohne Theilnahme Englands fit nicht auf Verhandlungen einlafjen werde?). Man kann fi) denfen, wie wenig Gaillard mit den Bedingungen, die Haugwig an eine preußijche Bermittelung fnüpfte, einverftanden war. Er hatte fi) ge- Schmeichelt, wenn nicht Breußen allmählich in den Krieg gegen Ofterreich militäriich Hineinziehen, doc) wenigjtens durch bas politifche Gewicht Preußens Ofterreid von England trennen und zu einem befonderen Frieden nöthigen zu fünnen. E3 ftellte ji) aber vielmehr heraus, daß Preußen, getreu dem Syiteme, das Haugwig 1795 aufgejtellt Hatte (vgl. S. XIV) zu feinem Schritte zu verleiten war, der e8 über die Grenzen der Neutralität hätte binausfübren fünnen. Das einzige, was Gaillard erreichte, war, daß Preu- Ben zur Herjtellung der guten Beziehungen zwiichen Granfreit und Ruß: land die Hand bot, indem es eine darauf bezügliche franzöfiiche Note nad) Beteröburg beförderte.

Um nichts glüdlicher war die franzöfiiche Regierung mit einem zweiten Berjuche derjelben Art. Von einigen diplomatischen Korrefpondenzen, die den Srangofen in die Hände gefallen waren und feindjelige Gefinnungen Rußlands und Ofterreich® gegen Preußen offenbarten, nahm man Anlaß, Preußen zu .einem energifchen Vorgehen gegen Ofterreid) aufzufordern (Mitte April)?). Allein in Berlin machte die Sache feines-

1) In diefem Punkte fiimmen bie Erlafje an Caillard vom 24. und 26. Januar 1797 (S. 451) mit der Inftruftion für Elarte vom 17. Januar überein, (Correspondance inédite de Napoléon, II, 412).

2) Bal. die Berichte Caillarb’s S. 451 ff.

3) Pal. ©. 475.

III. Franzöfifche Allianz-Anträge an Preußen. 1797. 1798 XXXI

weg3 den Eindrud, auf den Frankreich gerechnet hatte; man wußte Längft, daß namentlich Kaifer Paul von Rußland durch die Nahricht von dem preußifch-franzöfiichen Bertrage in eine heftige Aufregung gegen Preußen gerathen war, und zeigte fich deshalb von den Äußerungen feiner Feindjeligfeit durchaus nicht überrafcht. Mod weniger hätte man einen Kriegsgrund darin finden mögen.

Snzwichen hatte, wie Haugwig richtig vermuthet, das öfterreichijche Minifterium die Mitteilung Preußens über die friedlichen Äußerungen des Direktorium mit dem Hinweis auf die Allianz zwifchen Dfterreid) und England erwidert, und in Berlin erwartete man nod eine Erklärung der franzöfifchen Regierung über die Friedensbedingungen für das deutjche Reich, als plöglich die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedenzpräliminarien zwifchen Frankreich und Ofterreid eintraf. Die Freude darüber war in Berlin, wie Gaillard verfichert, allgemein und aufrichtig. Man war bejonders zufrieden, daß dabei die Integrität des deutjchen Reiches von Frank: reich anerfannt wurde, denn man z0g die Wiederherftellung des Zuftandes vor dem Rriege einer Umwälqung vor, die vielleicht für Preußen Ruhm und Vergrößerung mit fich geführt, aber auch ein entjchlofjenes und thatkräftiges Eingreifen erfordert hätte. Man jprac) den Bunid aus, daß Frankreich jo bald als möglich die Linksrheinifchen Befisungen Preußens räumen möge, behielt fit) dabei aber übrigens einen Anfprud auf Entichädigungen für die erlittenen Verlufte an Einkünften vor. Ebenjo unterließ man nicht, die Austattung des Haufes Dranien, deren übrigens aud) in den Friedenspräliminarien gedacht war, in Erinnerung zu bringen.

Indem fi) nun aber die Unmöglichkeit herausstellte, diefe und ähnliche Ansprüche anders als vermittelft der Säcularifationen zu befriedigen !), denen Dfterreich immer noch widerftrebte, fo trat damit wieder dasjenige Moment in den Vordergrund, bei dem die Intereffen Preußens und Frantreis zufammentrafen. Die Folge war, daß, während die Ergebniflofigleit der leßten Verhandlungen zu einer gewifjen Entfremdung geführt hatte, die beiden Staaten im Sommer 1797 wieder einander näher zu kommen idienen. Gaugwit äußerte fi) in den freundfchaftlichiten Ausdrüden gegen den franzöfiichen Gefandten: er fprad) die Hoffnung aus, wenn e8 zu dem allgemeinen Griebensfongrefie komme, als Vertreter Preußens daran theilnehmen zu fünnen, jollte aber der Krieg wieder ausbrechen, jo ftellte er das Eingreifen Preußens gegen Ofterreid in Ausfiht. In Paris eilte man von Diejer veränderten Stimmung Bortheil zu ziehen. Man erhob die Forderung, daß Preußen in einer amtlichen Erklärung fi unumwunden für das Princip der Säcularifationen ausfpreche, indem man zu verftehen gab, daß aud) der Raijer fid) damit bereits einverftanden erklärt habe. Sindenftein, dem Gaillard zuerft dies Anfinnen vortrug, erhob Einwendun-

1) Bol. Erlaß an Sandız-Rollin 15. Mai, S. 126.

XXXII Einleitung.

gen!)}, Haugwig dagegen, der bei dem König in Pyrmont weilte, nahm feinen Anjtand, die gewiünjchte Erklärung auszuftellen. In derjelben Zeit erfüllte Preußen, durch Wiederanfnüpfen der diplomatischen Beziehungen mit der holländischen Republit, noch einen zweiten Wunfd) der franzöfischen Regierung.

Die Annäherung der beiden Staaten, die in diejen Schritten unzweifelhaft lag, war ermöglicht worden burd das Emporfommen einer mafvolleren Bolitif in Franfreih, wie fie aud) in dem Eintritt Barthelemy's in das Direktorium ihren Ausdrud gefunden hatte, fie mußte zum Stillftand fommen, als mit dem Staatsftreih am 18. Fructidor die revolutionären Tendenzen fid mit neuer Sraft erhoben und in den Beziehungen zum Auslande die Gedanken der Eroberung zur Herrichaft brachten. Den Triedensverhandlungen mit England wurde eine Wendung gegeben, die den Abbruch herbeiführen mußte, an Napoleon Bonaparte erging die Aufforderung, die Ofterreider ganz aus Italien zu verdrängen und ihnen Venedig nicht preiszugeben, von einem Verzicht auf das linke Rheinufer war nicht mehr die Rebe. |

ES ift natürlid, daß bieje Wandelung aud auf die Beziehungen Trankreichs zu Preußen zurücdwirkte: je energijcher die Republik den Kampf gegen England und Ofterreid wieder aufnahm, um jo mehr mufte fie die Unterftügung Preußens für denjelben zu gewinnen fuchen. Am 13. September erhielt Gaillard von neuem den Auftrag, mit aller Entjchiedenheit in Berlin auf den Abjchluß eines offenfiven und defenfiven Bündniffes gegen Ofterreid zu dringen. E8 bezeichnet dabei die fortjchreitende Entwidlung der franzöfiichen Eroberungsgelüfte, die allmählich) auch Norddeutichland zu umfaffen anfingen, daß damals zum erften Male gleihjam als Preis der Allianz die Abtretung Wefel 8 von Preußen gefordert werden jollte. ES war ein fo übel angebradtes Serlangen, daß Gaillard e8 auf fi nahm, dafjelbe überhaupt nicht zur Sprache zu bringen. Aber aud fo nod waren die franzöfiichen Anträge nicht derart, daß fie in Berlin hätten Anklang finden fünnen. ES war vergeblich, daß Gaillard in wiederholten Zufchriften und Unterredungen die Momente geltend machte, deren Wirfung auf die preußifchen Staatsmänner fid jo oft bewährt hatte: die Feindjeligfeit Ofterreids, die drohende Gefahr für Bayern; das preußische Kabinet begnügte fich, die Übereinftimmung der Intereffen Preußens und Franfreich® namentlich in der Frage der Säfularifationen bereitwillig anzuerfennen und eine gewifje politife Unterjtügung auf dem bevorjtehenden Gongreffe in Ausficht zu ftellen;, eine militärifche Mitwirkung zur Überwältigung Ofterreich8 wurde von neuem abgelehnt. E8 mag fein, daß dazu aud), wie Gaillard bemerft?), der Gefundheitszuftand des Königs, die fchlechte

1) Urf. Nr. 110.

2) Berg. Bericht vom 11. Oftober, S. 462.

III. Franzöfifhe Allianz-Anträge an Preuben. 1797. 1798. XXXIIT

Ssinanzlage und die Bejorgnif vor Rußland beigetragen haben. Noch ichwerer aber fiel unzweifelhaft ins Gewicht, daß die maßlofen Übergriffe der franzöfiichen Regierung, ihre jchwanfende und unzuverläffige Politik, ihre Rüdfichtslofigkeit gegen Verbündete, wie Spanien und Sardinien, für jeden feine Selbjtändigfeit achtenden Staat eine Allianz mit Franfreich zur Unmöglichkeit machten !).

Wie recht man im übrigen daran gethan hatte, dem franzöfiichen Andringen nicht nachzugeben, jtellte fit jogleich heraus, al3 noch) in demfelben Monat die Nachricht von der Unterzeihnung des Frieden von Campo Formio in Berlin eintraf. Über die Bedingungen, unter denen Ofterreich und granfreid mit einander abgejchloffen hatten, wurde das preußifche Minijterium weder von der einen nod) von der andern Seite unterrichtet. Doc fam von Paris aus die Mittheilung, daß es nur bei Preußen ftände, jeine linfsrheinichen Befigungen zurüdzufordern und wieder zu erhalten. Dabei gaben inde zugleich Rewbell in Paris und Gaillard in Berlin den freundjchaftlichen Wink, daß eine jolche Forderung keineswegs dem preußiichen Interejje entiprechen würde.

ES üt gewiß, daß Ddieje widerjpruchsvolle und zweideutige Haltung der franzöfiichen Regierung ganz geeignet war, die fon vorhandene Abneigung und Unzufriedenheit in Berlin noch zu fteigern. Wenn von franzöfifcher Seite die Erwartung auggefprochen wurde, daß die preußifchen Bevollmächtigten auf dem Gongreffe, der zur Vermittelung des Neichsfriebens in Haftatt gujammentrat, im Berein mit den proteftantifchen Reichs: ftänden für Frankreich gegen Ofterreich Partei ergreifen würden, fo bejblof man in Berlin vielmehr, in den zwijchen Franfreicd) und dem deutjchen Reiche jchwebenden Streitfragen im ganzen Zurüdhaltung zu üben, im einzelnen fid der deutjchen Interefjen 10 viel als möglic) anzunehmen. Man äußerte tros des Vertrages vom 5. Auguft 1796 nach wie vor den Rund, daß Franfreich jeine Ansprüche auf das linke Rheinufer auf ein möglichft geringes Maß herabjege; die eigenen Befigungen jenfeits des Rheines forderte man zwar vorläufig nicht zurüd, aber man weigerte fi doch auch, diejelben ausdrüclich abzutreten und, wie von franzöfiicher Seite aus angeregt wurde, die vereinbarten Entichädigungen einfach in Befik zu nehmen. Dagegen begann Preußen mit wachjender Entjchiedenheit in Paris die Forderung zu ftellen, Wranfreic) möge feine Truppen vom rechten Rheinufer zurüdziehen ?).

So fonnte denn aud der Verlauf der Berathungen in Rajtatt, bei aller Übereinftimmung in der Frage der Sücularifationen , keineswegs zu einer Annäherung der beiden Staaten führen. Grade indem alle die Aniprüche und Forderungen, die Franfreich gegen Deutfchland erhob, und die

1) Bergl. Erlaß an Sandoz:Rollin, 2. Oltober, S. 153. 2) Erlaf an Sandıy:Rollin vom 23. März 1798 unb öfter.

XXXIV Einleitung.

mannidfaden zwifchen beiden Reichen ftreitigen Rechte und Intereffen zur Verhandlung kamen, trat e3 vielmehr zu Tage, burd wie viele Fäden Preußen noch mit dem deutjchen Neiche verknüpft merde. Die deutjchen Antereffen Preußens machten fi noch einmal mächtig geltend. C8 entfprad) Diejem Verhältniß und den mehr und mehr erfaltenden Beziehungen zu Franfreih, daß im Frühjahr 1798 zum erften Male wieder ein ernftlicher Berjud gemacht wurde, mit Ofterreid) in den deutfchen Fragen zu einer Verftändigung zu gelangen.

Diefe allmälige Abwendung Preußens von Frankreich ift in Paris doc nicht völlig ‘unbemerkt geblieben, und das Direktorium hat es an Anftrengungen nicht fehlen Laffen, um Preußen bei dem franzöfiichen Syfteme feftzuhalten. Man fudte auf der einen Seite Preußen über das revolutionäre Vorgehen Frankreichs in der Schweiz und Italien zu beruhigen, indem man die Verantwortlichkeit dafür untergeordneten Berjönlichkeiten auiob; auf der anderen Seite warnte man Preußen vor einer Annäherung an Ofterreid, durch die e8 fich nur Frankreich entfremden werde, ohne dafür bei Ofterreich Anerkennung und Entjhädigung zu finden. | Endlich, als fih Die europäifchen Verhältniffe immer mehr verwidelten und die eifrigen Verhandlungen zwifchen England, Rußland und Ofterreid eine neue Coalition erwarten ließen, der auch Preußen nicht ganz fern zu ftehen jchien, fam man ungeachtet aller erfahrenen Zurücdweijungen doc, wieder darauf zurüd, der preußifchen Kegierung den Abjhluß einer Allianz vorzujchlagen. Am 22. April ergingen an Gaillard die Schreiben, die ihn zu neuen Ber: handlungen bevollmächtigten.

Gaillard verbarg fid die Unmöglichkeit nicht, das preußifche Rabinet zu einem Bündnißvertrage in dem Sinne zu beftimmen, wie man ihn in Paris verftand; er fannte die friedlichen Gefinnungen, von denen der neue König Friedrih Wilhelm III. und feine Rathgeber gleichmäßig befeelt waren. Indem er dem Grafen Haugwih den Antrag feiner Regierung vorlegte, hob er zur Empfehlung defjelben hervor, daß ein Bündniß zwilchen Preußen und Frankreich, beffen Vorzüge ja in Berlin nicht beftritten würden, in dem Dermaligen Augenblide den Frieden und nichts als ben Frieden bedeute. Ein jolches Bündniß werde ein Glüd für Preußen, ein Glüd für ganz Europa fein. Mit den Schmeicheleien, wie gewöhnlich, die Drobungen verbindend, fügte er Hinzu, daß eine abermalige Ablehnung feiner Anträge das Direktorium nöthigen werde, bei den ferneren politifchen Combinationen auf Preußen nicht weiter Rüdfidt zu nehmen !).

Das preußifche Minifterium geriet) burd diefen Antrag der franzöfijen Regierung in eine gewifje Berlegenbeit. Denfelben einfach von der Hand zu weifen, jchien bei dem zweifelhaften Zuftand der europäifchen Beziehun: gen höcht bedenklich. AndrerjeitS hatte Preußen noch eben den von Eng:

1) Bergl. Schreiben u. Berichte Caillarb's S. 193fg. und ©. 469g.

II. Franzöfifche Allianz-Anträge an Preußen. 1797. 1798. XXXV

land ausgegangenen ruffifchen Borfdlag zu einer großen confervativen Allianz zwar für den Augenblit abgelehnt, aber bod im Princip ausdrüdlich gebilligt, und namentlid Graf Haugwig hatte fi mündlich ohne Rüdbalt über die Nothwendigkeit einer Verftändigung mit Rußland und Dfterreich geäußert). E83 fam über diefe Frage um die Mitte Mai in Berfin und Potsdam zu Berathungen, bei denen fich zunächft der Freiherr von Alvensleben nadbrüdlid für Annahme der franzöfiichen Allianz ausfprad) 2). Unter den Gründen, die er dafür geltend machte, erjcheint im Hinblid auf die fpütern reigniffe befonders einer bemerfenswerth. Er erklärte die preußifche Armee in ihrer damaligen Berfaffung für unfähig, der frangdfiichen erfolgreichen Widerftand zu leiften, und folgerte daraus die Unums gänglichkeit freumdfchaftlicher Beziehungen zu Franfreih. Ganz anderer Anfhauung war aber Graf Haugwis, der Minifter, deffen Rath, auch bei dem neuen Monarchen das meifte Gewicht hatte. Die Zeit war vorüber, wo er in einem — richtigen oder übertriebenen — Gefühle der finanziellen und politiichen Schwäche Preußens, Nachgiebigkeit gegen Frankreich zu be: fürworten liebte. Preußen, das zum Mittelpunkt des nordifchen Handels und Geldverfehrs geworben war, erholte fich fichtlih von den Berluften der Kriegsjahre und ftand im Verein mit den norbbeutfden Ständen politifd kräftiger ba als zur Zeit des Bafeler Griebens. Auf der anderen Seite hatten die wiederholten Bedrohungen der Neutralität Norddeutichlands, die Schwankungen und Widerfprüche der Politif des Direftoriums, die Ausbreitung der revolutionären Bewegung über die Schweiz und Ita: lien, allmählich in dem Grafen Haugwit die Überzeugung erwedt, baf mit der franzöfiichen Republif, wie fie Damals war, ein dauerndes Einvernehmen fich nicht aufrecht erhalten Tafje.. Alle diefe Momente Hatten einen Umjhwung in feinen Anjchauungen hervorgerufen, der jebt deutlich und deutlicher zu Tage trat. Unterftügt von dem Herzog von Braun: ichweig, der fit grade bei dem Könige aufbielt und in dem diejelben Wandfungen wie in ihm felbft vorgegangen waren, brachte e8 Graf Haugwik dahin, dak König Friedrich; Wilhelm die Anträge der franzöfiichen Regierung zurüdwies, ohne der lebteren bod die Hoffnung auf eine dereinftige Verftändigung ganz zu nehmen. Münblid eröffnete Haugwig dem franzöftfchen Gefandten, daß die Herftellung eines Einvernehmens mit dem deutihen Staate Preußen fo lange unmöglich fei, als noch irgend eine Streitfrage zwifchen Frankreih und bem beutiden Reiche unausgeglichen bfeibe.

Mit diefem Hinweis auf Preußen als einen beutfden Staat hatte Graf Haugwig eben dasjenige Moment berührt, bas einer Berftänbigung awifden Preußen und Frankreich immer hindernd in den Weg trat. Preußen, in

1) Bergl. u. a. Bericht von Neuf, 31. März 1798, ©. 538. 2) Bergl. feine Dentidrift vom 12. Mat, S. 197. c*

XXXVI Œinleitung.

wiefern es ein Glied der europäifchen Staatenfamilie war, hatte mit Grant reich gemeinfame Interefjen, die zu einem Bündniß führen konnten; inwiefern e8 aber zugleich dem deutjchen Reiche angehörte, hatte e8 wieder: um mit ben deutfchen Staaten und befonders mit Ofterreich Beribrungspunfte, burd die e3 von einer Allianz mit Frankreich zurüdgehalten wurde. Man würde irren, wenn man glauben wollte, daß die franzöfiiche Regie: rung dies Verhältniß verfannt hätte: wir werden feben, wie ihre Abficht und ihr Streben vielmehr grade dahin ging, Preußen von aller Verbindung und aller Intereffengemeinfchaft mit dem deutjchen Reiche Ioszulöfen und zu einem rein europüifden Staate zu erheben.

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