IV. Sendung von Sieyes nad Berlin. 1798. XLI
durch einen Garantievertrag mit Preußen, Spanien und der belvetifhen Republif zu gewährleiften. Wohl bemerft: der Vertrag jollte nur den Gebietsftand der betreffenden Staaten, nicht ihre Negierungsform ver: bürgen !).
Der franzöfifche Gefandte in Berlin, Sieyes, dem diejfe Gedanken und Entwürfe im Laufe des August und September übermittelt wurden, war im Ganzen mit den Anfchauungen jeines Minifterd feineswegs einverftanden: das verfühnliche, ausgleiende Element in Talleyrand widerjprach ganz jeinem eigenen jchneidenden und despotijchen Wejen. Er mißbilligte die Zurüdhaltung, die Talleyrand für Italien empfahl, und war gegen alle Zugeftändnifje in Deutjchland, er erklärte e8 jelbjt für unpolitiich, das revolutionäre Vorgehen Srantreidé aud nur rechtfertigen zu wollen ?2). Sein Ideal war und blieb die Ausbreitung „des repräfentativen Syftems*, wie er e3 nannte, er hielt Frankreich für mächtig genug, dafür den Kampf mit der ganzen Welt aufzunehmen. Bon Preußen und den preußijchen Staatsmännern wollte er überhaupt nicht? wifjen, er war erbittert über den Mißerfolg, der feine in jo hohen Erwartungen unternommene Sendung begleitete, und donnerte gegen die Srangofen, die fid darauf fteiften, in Preußen ihren natürlichen Verbündeten zu erbliden?).
Dan kann fid danadı denken, in welchem Geijte er die Ausführung der ihm übertragenen Aufgabe in Angriff nahm. ES würde müßig fein, in die Einzelheiten der Unterhandlung einzugehen, die im Herbjt 1798 zwiihen ihm und dem preußijchen Minijterium gepflogen wurde, um jo mehr, da die Verhandlungen fich jchlieglih ganz in einen Streit um Worte, in gegenjeitige Anklagen auf Mißverjtändnifje u. j. w. verloren. E3 genügt zu bemerfen, daß Preußen die unter der Hülle eines Garantie-Bertrages für Deutihland und Italien angetragene Allianz gegen Dfterreich entjchieden von der Hand wies. Darauf bin wurde von franzöfiicher Seite jede Unterhandlung überhaupt abgebrochen (Dftober 1798). Wichtiger ift e8, Die Rüdwirkung bievon auf das Berhältnig zwijchen Preußen und Grant reid ind Auge zu faflen. Die Folge war auf preußifcher Seite, bei der perjönlichen und jadliden Ungejchidlichkeit, mit der Sieyes die Verbandlung führte, eine wachjende Abneigung gegen den Gejandten und die Regierung, die er vertrat; eine Abneigung, welche mit einer immer engeren Annäherung an die Coalition gleichen Schritt hielt und den preußischen Staat fait in die Verwidlungen des Jahres 1799 hineingezogen hätte.
1) Bergl. Dentidrift Talleyrand’s vom 9. September 1798, ©. 487.
2) »Dès que vous entreprenez de prouver que vous avez raison, un Allemand croit que vous reculez... Quand une cause a été jugée par la victoire, c'est la remettre en question que d'imprimer des phrases«. An Æalleyranb, 12. März
3) »Je ne puis trop vous le répéter: les Français s'opiniâtrent mal à propos à considérer la Prusse comme leur allié naturel dans tous les temps. An Talleytand, 13. Oftober 1798.
XLII Einleitung.
In Franfreih aber brachte das vollftändige Scheitern der jeit dem Bafeler Frieden und mit bejonderer Lebhaftigfeit im Jahre 1798 betriebenen Allianz-Berhandlung eine politifche Richtung zur Herrichaft, die fid bereit3 im Laufe des Jahres 1798 bemerkbar gemacht hatte, die aber erit jebt wirfli ins Leben trat. Um e8 furz zu jagen: man wandte fi) von Preußen ab und juchte in den deutjchen Mittelftaaten den Bundesgenofjen gegen Dfterreich zu finden, zu dem fit Preußen nicht bequemen wollte. Buerft, jo viel wir wifjen, im Jahre 1794 haben die franzöfifchen Staatsmänner ihre Aufmerkjamkeit auf die beutfden Mittelftaaten gerichtet, in der Abficht, diefelben zu einem bejonderen Bunde außerhalb des deutjchen Neichsverbandes zu vereinigen. Indejjen war biefer Gedanke vor den jo ungleich widtigeren Beziehungen, die durch den Frieden von Bafel mit Preußen angefnüpft wurden, in den Hintergrund getreten. Das Berhältniß Frankreichs zu Preußen war auch für das Verhältniß zu den deutjchen Kleinftaaten immer maßgebend. So lange man die Hoffnung hegte, und man ließ biefelbe erft im Oktober 1798 endgiltig fallen, Preußen felbjt zu einer Allianz zu vermögen, fo lange war man aud gar nicht abgeneigt, den Einfluß Preußens bei den deutichen Staaten zu begünstigen. Allein je mehr man fid davon überzeugen mußte, daß Preußen nicht daran denke, fi) als Werkzeug gegen Ofterreid gebrauchen zu laffen, um fo mehr faßte man den Gedanken ind Auge, jelbftändig mit den deutjchen Sleinftaaten in Verbindung zu treten und in altfranzöfiicher Weije den germanijchen Körper an Frankreich anzufchließen. E3 waren vorzüglich Talleyrand, und nod mehr Sieyes, die fi eifrig mit biejem Plane bejchäftigten, fie fnüpften daran die Hoffnung auf eine vollftändige Umgeftaltung der deutjchen Berhältniffe.
Wie wir fon berührten, ging die Abficht der franzöfiichen Staatsmänner dahin, Preußen und Ofterreid möglichjt weit von der franzöfiihen Grenze zu entfernen. Man glaubte dabei annehmen zu dürfen, daß Preußen auf das jchwer zu vertheidigende Gebiet lints der Wejer jelbit Verzicht leiften würde. Allein damit war man noch feineswegs zufrieden. In dem erbitterten Kampfe mit England war jchon wiederholt der Gebante aufgetaucht, daß man England gänzlic) von dem europäifchen Feftlande ausschließen, alle Häfen gegen basfelbe jperren müfje, der Plan einer Eontinentalblodade erjchien bereité an dem Horizonte Europas. Wie hätte man, bei folen Entwürfen, die wichtigen Küftenlande zwijchen Elbe und Wejer dem beherrjchenden Einfluß Preußens überlafjen mögen? GSieyes zuerft fprad e& aus: Preußen muß Hinter die Elbe zurüdgeworfen werben. Er war durchaus gegen die Begründung einer großen norddeutichen Macht unter Preußen, die nod Gaillard immer begünftigt hatte. In der Eriftenz einer folchen erfannte er eine Gefahr für die Erwerbungen, die Frankreich auf Koften des deutjchen Reiches machte. Er empfahl, ftatt die deutfchen Fürften auf den Bund mit Preußen zu verweijen, ‚diefelben um Frankreich