IV. Sendung von @ievès nach Berlin. 1798. XLIII
zu idaaren, das ihr natürlicher Verbündeter gegen Preußen und Ofterreich jei. Talleyrand ftimmte ihm darin im Wefentlichen bei, auch fein Wunjd wäre e3 gewejen, Preußen durch Entziehung des rein deutjchen Gebietes linfs der Elbe möglichft aus Deutjchland zu verdrängen und etwa durd) eine dynaftiiche Verbindung mit dem wiederherzuftellenden Polen zu entihädigen. Er glaubte, damit den Intereffen Preußens und Frankreichs gleichmäßig zu dienen; die Hinderniffe, meinte er, würden dann fallen, die infolge der Eigenjchaft Preußens ala eines deutjchen Staates einer franzöfifch-preußifchen Allianz im Wege ftänden. Was dann, nad) Hinausdrängung Preußens und Ofterreihs, von Deutjchland nod übrig blieb, das follte, fei e8 in einem einzigen, fei e8 in einem norddeutjchen und einem jüddeutichen Bunde vereinigt werden. Durch jenen jollten dem preu- Bijchen Staat feindliche Berührungen mit Frankreich ebenjo unmôglid gemacht werden, als freundjchaftliche Verbindungen mit England; diejer follte Grantreid von Dfterreich trennen. Talleyrand jcheint noch gemeint zu haben, daß fid) eine derartige Ummälzung ohne Kampf mit Preußen werde ins Werk jegen lafjen; Sieyes feinerfeits war jcharfblidend genug vorherzujehen, daß jchon dag wetteifernde Streben nad) Beeinflufjung der norbdeutihen Staaten zu einem Gonflicte zwifchen Preußen und Frankreich führen mifje !).
In der That, wie weit gingen bieje Entwürfe, die, jo dimärifd fie im Augenblid erjcheinen mochten, doch eines Tages ihre Verwirklichung finden follten, über die Grenzen hinaus, die Preußen im Bertrage vom 5. Auguft 1796 dem Bordringen Frankreich? gezogen hatte. Man kann jagen: Frankreich hatte mit diefen Plänen den Krieg gegen Preußen in der Idee bereits eröffnet. Deutjchland in vier Theile gefchieden, ein Öfterreichifches, ein preußijches, ein nörbliches und ein jüdliches Deutjchland, die fid unter einander für immer im Gleichgewicht Halten und ihre Kräfte gegenfeitig paralyfiren jollten, Preußen burd die Verbindung mit Bolen in einen unverjöhnlichen Gegenfag zu Rußland gebracht, Dfterreich im Süden und Beften von dem füddeutichen Bunde, der helvetiichen und den italifchen Republifen, im Norden von Preußen-Polen in Schranken gehalten, England von dem Feitlande ausgejchlofjen, überall jonft Trennung und Theilung, Gegenjäte und Seinbfeligfeiten, daneben aber in dem durch die Rheinlande, Belgien und Savoyen vergrößerten Frankreich die ftraffite Einheit und Zufammenfafjung, — dag war die Geftalt, welche die franzdfiichen Polititer Europa zu geben dachten.
Diefe Entwürfe für die Gründung eines norddeutichen und eines füddeutfchen Bundes, die bereit im Sommer 1798 zwijchen Talleyrand und Gieyès lebhaft erörtert, aber aus Rüdficht auf Preußen nod bei Seite gelafjen waren, wurden jebt im Herbft 1798 von der franzöfifchen Regierung ernft-
1) Bericht vom 2. Oftober 1798, ©. 491.
XLIV Einleitung.
lih in die Hand genommen. Mad Süddeutjhland wurde Theremin gefhidt, ein ehemaliger preußifcher Diplomat, der fid durch eine Flugjchrift über die Rbeingrenge einen Namen gemacht hatte und von dem Direktorium in den deutjchen Angelegenheiten häufig zu Nathe gezogen wurde‘). Für Norddeutichland wurde der franzöfiihe Gefandte in Cafjel, Rivals, beauftragt, den Landgrafen von Hefien aufzufordern, fid unter fransbfifchem Cube an die Spite eines Bundes norddeuticher Yürften zu ftellen 2).
Allein beide Unterhandlungen blieben gleich erfolglos.
In Siüddeutjchland wurde Theremin, der bejonder3 auf die Theilnahme der Tübinger Philojophen gerechnet hatte, nad ergebnißlojer Wirffamfeit bald burd den wiederausbrechenden Krieg vertrieben. In Eafjel 309 fid die Verhandlung den ganzen Winter über bin und blieb endlich daran haften, daß der Landgraf den Franzojen, dieje aber jenem die Einzelbejprechungen mit den norddeutichen Ständen zumeijen wollten. Indem man nod darüber bin: und Herftritt, ohme fich verftändigen zu fönnen, denn der Eifer war auf feiner Seite jehr groß, trat ein Ereigniß ein, das den Franzofen eine ganz andere Ausfidt eröffnete.
Am 16. Februar 1799 jtarb der alte Kurfürjt Karl Theodor von Pfalzbayern. Auf feinen Nachfolger Marimilian Sojef hatte die franzüfie Regierung fon immer die größten Hoffnungen gejeßt; fie fchienen fih jest überrafchend verwirklichen zu jollen. Wenige Tage nad) feinem Negierungsantritt, am 23. Februar, gewährte er dem franzöfiichen Gechäftsträger eine Audienz, in der er ihn aufforderte, dem Direktorium zu melden, daß e8 feinen befjeren Freund haben werde als ihn. An der Freude, die er bei jedem Erfolge der franzöfischen Waffen empfunden, habe er gefühlt, daß er ein Franzofe jei. Er bat den Gejchäftsträger, ihn als Franzojen zu betrachten 3).
Man kann fid Leicht vorftellen, wie diejer Bericht in Paris wirkte. Man gab fi der Hoffnung Hin, nad allen den vergeblichen Unterhandlungen mit Preußen und Heffen in Marimilian Jofeph endlich den Fürjten gefunden zu haben, der das alte deutjche Reid zeriprengen und den neuen Rheinbund begründen werde. In zwei Erlaffen vom 15. und 17. März 1799, mit ausdrüdlicher Genehmigung de8 Direftoriums, beauftragte Tal- (eyrand den franzöfiichen Gejchäftsträger, fogleid mit dem Kurfürjten eine Unterhandlung über die Stiftung eines Aheinbundes anzufnüpfen). Es ichwebte dabei zugleich der Gedanke vor, den Frieden mit dem deutjchen
1) Theremin bat bamals in einer feiner bôdft merkfwürbigen Denkichriften bas Direftorium an ben Rheinbund Lubwig’s XIV. erinnert. »Bases générales pour régler la conduite d'un agent secret à envoyer en Allemagne. Parifer Arbiv, Allemagne 698.
2) Bergl. Erlaÿ an Rivals, 26. September 1798, S. 485, Note.
3) Rad bem Berichte Alquier's (24. Februar 1799), der ausbrüdiid bemerft, daß er die Äußerungen des Kurfürften wörtlich wiebergebe. Barifer Archiv, Bavière 178.
4) Bergl. ©. 498. |
V. Drobenbes Zerwürfniß zwiichen Preußen und Grantreid. 1799. XLV
Reihe doc) noch zu Stande zu bringen und das lLebtere von der Theil: nahme an dem eben ausbrechenden Kriege zurüdzuhalten. Allein jene Erlafje find nicht mehr nad) München gelangt: fon am 11. März hatte Aquier vor den heranziehenden Ofterreidern nach) Straßburg flüchten müffen. Ganz Sübddeutichland fam binnen furzem in die Gewalt des Erzherzogs Karl. Der Plan eines Aheinbundes mußte auf eine günftigere Zeit vertagt werden.
Bon allen diefen Entwürfen und Verhandlungen hat man in Berlin feine Renntnif erhalten. Das Verhälfnig zu Frankreich war auch nad) dem Abbruch der Unterhandlung mit Sieyes anfcheinend das alte geblieben: auf franzöfiicher Seite ließ man es an gelegentlichen Bethenerungen der freundichaftlichiten Gefühle für Preußen nicht fehlen, auf preußifcher Seite aber war ein Umfhwung eingetreten, der zu einem ernftlichen Zerwürfniß mit Frankreich führen zu follen jchien.
V. Drohendes Zerwürfniß zwifchen Preußen und Granfreid. 1799.
Wir haben bereits bemerkt, welche Wandelung fid im Laufe des Jahres 1798 in den politifen Anfhauungen des Grafen Haugwig vollzogen Hatte. Nicht als ob das Grunbprincip derjelben ein anderes geworden wäre: ber Gedanke der Neutralität Norddeutichlands, der bei den Verhandlungen über den Frieden von Bafel und den Berliner Vertrag maßgebend gewejen war, blieb nad wie vor der beherrfchende Gefichtspunft feiner Politik. Aber wenn er bis zum Jahre 1798 die Meinung gebegt hatte, daß neben dem revolutionären Frankreich eine Gemeinfchaft der norddeutichen Stände im Grieben fortbeftehen fünne, fo war er von diefer Anficht allmählich zu: rüdgefommen. Haugwit hatte immer geglaubt, burd die Trennung von der Coalition in einem für Frankreich febr gefabrvollen Augenblid auf eine gewifje Erfenntlichkeit bei dem Direktorium Anspruch zu haben: in Paris fanden die preußifchen Wünjche in den meiften Fällen faum Gehör, gejchweige denn eine günftige Aufnahme; er hatte immer und immer wieder erflärt, daß Preußen an feinem neutralen Syfteme unter allen Umftänden fefthalten wolle: die franzöfifche Regierung war unabläffig bemüht, Preußen in ein offenfives Bündniß gegen Ofterreid) Hineinzuziehen. Die Verhandlungen mit Sieyes hatten dann nod) dazu beigetragen, den politischen Gegenfab durd) perjönliche Mipftimmung zu verihärfen, e8 war ftadtfundig, daß zwijchen dem Minifter und dem Gejandten die größte Erbitterung berriche!).
Mehr aber noch als die bejonderen Beichwerden Preußens, deren einer wir gleich näher gedenken werden, wirkte auf den Grafen Haugwik das gejammte Vorgehen der revolutionären Regierung, wie fie feit dem Staats: ftreih vom 4. September 1797 geworden war. Im Hinblid auf die troß
1) Die Berichte des Fürften Neuß find voll von ben Mifhelligleiten zwifchen Haugwis und Siebés.
XLVI Einleitung.
aller Verficherungen ununterbrochen fortjchreitende Überfluthung der fran zöfifchen Nachbarländer Hatte fich die Überzeugung in ihm Bahn gebrochen, daß Die revolutionäre Bewegung früher oder fpüter aud Norddeutichland ergreifen werde. Graf Haugwib war feineswegs gemeint, diefen Augenblid ruhig kommen zu feben; eben um die Neutralität Norddeutichlands dauernd fiher zu ftellen, dachte er daran, mit anderen Mächten Vereinbarungen zu treffen, durch welche die Macht Frankreihs auf ein für die Nachbarn erträgliche® Maß herabgemindert würde.
Die Verhandlungen, die, wie wir oben berührten, im Sommer 1798 unter ruffischer Vermittelung mit Ofterreid angefnüpft waren, hatten zu einem befriebigenden Ergebniß nicht geführt, immerhin aber Preußen wieder in ein näheres Verhältniß zu Rußland und Ofterreid gebracht. ALS dann die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens mehr und mehr jchwand, war e8 zu neuen Beiprechungen gekommen, namentlich über die Art und Weife, wie fi) Die Neutralität des deutjchen Neiches in dem bevorftehenden Rampfe aufrecht erhalten Tafje (Oftober 1798). Man einigte fid im Ganzen dahin, daß Ofterreich den Süden, Preußen wie bisher den Norden vor einem franzöfifchen Angriff jchügen jolle. Von einer bei weiten größeren Bedeutung aber waren die Anträge, welche von ruffifcher Seite dem Berliner Kabinet vorgelegt wurden. Wir müffen der Verhandlungen, die daraus bervorgingen, bei ihrer engen Verflechtung mit den Beziehungen Preußens zu Frankreich etwas näher gebenten.
Um die Mitte Januar 1799 machte der ruffische Gefandte Graf Nikita Panin zuerft allein, nach einiger Zeit in Gemeinfchaft mit dem außerordentlichen Botidafter Englands, Thomas Grenville, der preußifchen Regierung den Borjhlag, mit Rußland und England zufammen einen Berjud zur Befreiung Hollands und Brabants zu unternehmen. Preußen follte dabei durch englische Subfidien unterjtügt und fpüter burd Gebiet3erwerbungen auf Koften Frankreich belohnt werden. Graf Haugmwig nahm fid biefer Borjchläge mit Eifer und Beredfamkeit an. Im lebbaîten Farben fchilderte er dem König die Gefahren, mit denen die gigantifche Macht des revolutionären Frankreichs grade Preußen bebrobe. Die alten Bollwerfe des deutjchen Reiches, die Schelde, die Maas, der Rbeinftrom feien in der Gewalt Frankreichs, des Geinbes aller fozialen Ordnung. ES fei die höchfte Zeit, daß Preußen fi) mit England und Rußland verjtändige, um Europa von dem Elend zu erlöjen, unter dem e8 jchmacdjte. Unmöglich fei es, daß Preußen bei dem Kampf zwijchen Frankreih und Europa neutral bleiben fünne, ohne feine Sicherheit zu jchädigen, ja ohne feine Eriftenz zu gefährdent). Der Herzog von Braunfchweig, der berbeigerufen war, unterftübte die Anfidt des Grafen Haugwig. Er entwarf bereits einen Plan, wie Breußen nad) dem ER Ausbruch des Krieges eingreifen folle, und empfahl
1) Dentferift vom 15. Januar 1799, S. 265— 272.
V. Drobenbes Zerwürfniß swifden Preußen und franfreid. 1799. XLVII
dringend, die Yijel und Vechte al8 Grenze zu erobern). Bon den andern preußifchen Miniftern war Graf Findenftein für den Anfbluf an England und Rußland, nur Alvensleben beharrte noch in einer gewiffen Hinneigung zu Granfreid. Alles fam deshalb auf die Entjcheidung des Königs an.
König Friedridh Wilhelm ID. war anderer Anfidt als die Mehrzahl feiner Minifter und Räte. Er fab in der Erhaltung des TFriedens das höchfte Gut der Welt und den einzigen Weg zur Olüdieligteit des menjc)lihen Gefchlechtes. In früher Jugend batte er an den Feldzügen in der Champagne (1792) und in Polen (1794) theilgenommen und dabei einen febhaften Widerwillen gegen den Krieg gefaßt. ALS er den Thron beftieg, nahm er fi) vor, feinem Lande den Frieden fo lange als möglich zu erhalten, um die Ordnung der Finanzen gründlich herjtellen und die neuen Erwerbungen in Polen dem Staate fefter angliedern zu fônnen. Er theilte nicht die Abneigung feines erften Minifter® gegen Granfreid, vielmehr blieb er dabei, in diefem Staate einen natürlichen Verbündeten Preußens zu feben. Die politiichen Angriffe, deren fid die Republif gegen die preußifchen Intereffen jchuldig machte, die Gefahren, die das Anwachjen der revolutionären Macht auch für Preußen in fich jchloß, achtete er wenig, erft bei’ einem militärischen Angriff Frankreichs war er entichloffen zu den Waffen zu greifen: nur dann glaubte er auf die begeifterte Theilnahme feines Volkes rechnen zu fünnen ?).
Diefer Gefinnung entfprad fein Verhalten bei den Anträgen Rublands und Englands. Er war weit entfernt, fi) auf irgend ein Unternehmen einlaffen zu wollen, das einen Krieg mit Frankreich zur Folge gehabt hätte. Da aber andererjeit3 ein Angriff von franzöfischer Seite doch nicht ganz außer aller Möglichkeit lag, fo wünfchte er, für einen folchen Fall fit im voraus mit den anderen Mächten zu verftändigen. E8 lag in diejer Politif unzweifelhaft ein innerer Widerfpruch: wenn der König feine Hilfe für den Krieg Englands und Nuflands gegen Frankreich verweigerte, wie durfte er hoffen, die Unterftügung jener beiden Mächte für einen Srieg Preußens mit Frankreich zu erlangen? Indek König Friedrich Wilhem II. ging darüber hinweg, ihm fam e3 vor allem darauf an, die Verhandlung möglichft Lange fortzujpinnen, bis fi, fo hoffte er, Frankreich vielleicht freiwillig zum Aufgeben Hollands bereit finden laffe. Er wies feine Mi-
1) Dentidrift vom 23. Januar 1799.
2) Friebrih Wilhelm IH. an Prinz Heinrich, 16. Oftober 1798: »Tout le monde sait que j'abhorre la guerre et que je ne connais de plus grand bien sur la terre que la conservation de la paix et de la tranquillité comme le seul systeme propre à la félicité du genre humain ; ainsi done, si je me voyais forcé de reprendre les armes malgré moi, ce ne serait plus une guerre de caprice, mais une guerre de nation contre la nation; la nation combattrait pour ses foyers, et je n'ai pas le moindre doute qu'en ce cas toute la nation se lèverait pour repousser une agression aussi téméraire.s (Œigenbänbig). Bgl. auch die Deufichrift des Herzogs von Braunichweig, 25. Auguft 1799, ©. 322.
XLVIII Einleitung.
nifter an, die Anträge von Panin und Grenville abzulehnen, dabei aber die Erklärung abzugeben, daß Preußen feinem defenfiven Spftem eine größere Ausdehnung zu geben und fid darüber mit Rußland und Eng- (and ins Einvernehmen zu fegen wünfche. Überhaupt fei Preußen im Princip mit beiden Höfen einverftanden und geneigt, ihre Beftrebungen an jeinem Theile zu fördern, nur müffe dabei feftgebalten werden, daß Die möglichite Wahrung der Ruhe des Nordens der vornehmfte Gefihtspunft bleibe‘). Grenville begnügte fid auf diefe Erklärungen zu erwidern, daf jeine Aufträge auf eine offenfive Verftändigung gegen Frankreich Lauteten ; Panin verlangte zu wifjen, in welchem Augenblide Preußen etwa aus der Defenfive in die Offenfive überzugehen bente. Der König ließ anfangs nur im Allgemeinen antworten, daß das allein im Falle eines franzöfiichen Angriffs gejchehen werde. Auf die Bitte um genauere Angaben, eine Bitte, die von Haugwig lebhaft befürwortet wurde, verftand er fit zu der Erflärung, daß bei einem Angriff der Franzofen gegen Hannover, Hamburg, Sachen oder Franken der Kriegsfall für Preußen eintrete. Der König, den das Drängen der Aufjen und Engländer überhaupt höchft ungeduldig machte, glaubte damit fdjon fast zu weit zu gehen: den beiden Gejandten genügte feine Erklärung noch feineswegs. Sie madten darauf aufmertiam, daß Die bezeichneten Punkte nod alle in den Bereid der norddeutjchen Neutralität gehörten, während Preußen doch verjprochen babe, über diejelbe hinausgehen zu wollen. Nad) einigen fruchtlojen Beiprechungen, an denen auch ein inzwilchen herbeigefommener außerordentlicher Botjchafter Dfterreichs, Graf Dietrichftein, theilnahm, brachen fie die Verhandlungen mit der Erklärung ab, daß fie erft neue Inftruftionen von ihren Regierungen abwarten müßten (April 1799).
In der That erfdienen im Anfang Mai, nachdem der Krieg in Italien und Deutichland wirklich zum Ausbruch gefommen war, Grenville und Panin mit neuen Anträgen. Sie jchlugen zunächft wiederum vor, daß Preußen, auf Grund feiner alten Verträge mit Holland, die Franzojen zur Räumung diefe8 Landes auffordern und bei einer ablehnenden Antwort Holland mit Waffengewalt befreien möge. In zweiter Linie brachten fie einen gegenfeitigen Garantie-Vertrag und eine Verftändigung über die wichtigjten Punkte, Die bei dem zukünftigen Frieden zur Sprache fommen würden, in Anregung. Graf Haugwit begnügte fi) nicht, bdieje Vorjchläge bei dem König mündlich zu empfehlen (4. Mai); in einer ausführlichen Dent: ichrift entwidelte er dem König nod einmal alle Gründe, die für Annahme derfelben fprachen. Er madjte wiederholt auf die Gefahren aufmerfjam, von denen Preußen bedroht werde, jo lange Holland in franzöfiicher Hand bleibe. Er wies auf die bedenkliche Lage Hin, in die Preußen gerathe, wenn Ofterreid bei feinen großen Erfolgen gegen Frankreic) einen vor:
1) Schreiben vom 28. Februar und 2. März.
V. Drobenbes Zerwürfniß zwifchen Preußen und frantreib. 1799. XLIX
theilhaften Separatfrieden jchließe. Er bat den König dringend, das Minifterium zur Fortjegung der Verhandlungen mit den beiden Gejandten zu bevollmächtigen !).
Der König zögerte eine Enticheidung zu treffen. Unter den Männern, auf deren Rath er zu hören liebte, erhoben fich doch nicht wenige Stimmen, die der Bolitif des Grafen Haugwig wiberfpraden. Der General-Adjutant Dberft Ködrik, der ibm von allen am nächjten ftand, fprad ich entihieden für Erhaltung des Friedens aus. Auch der General-Major Rüdel, der nicht gerade gegen die Theilnahme am Kriege war, hielt doch den Augen: blid zum Eingreifen Preußens noch nicht für gefommen?). Am meiften aber fiel wohl ins Gewicht, daß auch der Geh. Kabinet3-Sefretär Lombard, der den Vortrag über die auswärtigen Angelegenheiten hatte, den König in feinen friedfertigen Gefinnungen beftürtte. Lombard erfannte an, daß die Sicherheit Preußens durch das Anjchwellen der franzöfiichen Macht ernjtlich gefährdet jei, aber er jchilderte zugleich die Gefahren, denen Preußen bei einem Kriege mit Frankreich ausgejebt fei, in einer Weije, die auf den bedenflichen und zaghaften Sinn des Königs ihren Eindrud nicht verfehlen konnte).
ALS fit demnad Graf Haugwig am 12. Mai bei Friedrich Wilhelm II. in Charlottenburg einfand, um die Antwort desjelben perjönlich entgegenzunehmen, erklärte ihm der Slünig rund heraus, daß er von einem Unternehmen gegen Holland ein für allemal nichts hören wolle, dagegen genehmigte er, wie auch Lombard gerathen hatte, die Fortjegung der Verhandlungen, um mit England und Rußland einen Garantie - Bertrag und ein Übereinfommen für den Frieden zu Stande zu bringen.
Die Minifter, denen Haugwiß diefe Entjcheidung mittheilte, ließen ih) baburd nicht abjchreden. In einer Gonferen am 16. Mai einigten fie fi dahin, dem Könige erneute Vorftellungen zu machen, fie bejchloffen dabei zugleich ein neues Moment zur Sprache zu bringen, von dem fie fi) einige Wirkung auf den König veriprechen durften.
In dem fünften Artikel des Friedens von Bajel war vereinbart wor: den, daß die frangbfifen Truppen die Linfsrheinifchen Befigungen des Königs von Preußen bejegt zu halten fortfahren jollten. Dieje Beftimmung hatte den Anlaß zu unendlichen Auseinanderjegungen zwijchen Preußen und grantreid) gegeben. Preußen behauptete, daß den Srangofen damit nur eine militärische Befebung eingeräumt fei, und beanfpruchte die bürgerliche Verwaltung felbftändig in alter Weije fortzuführen. Frankreich konnte um fo weniger beftreiten, daß der Artifel nur von einer rein militärischen Bejebung rede, als e8 gerade deshalb jtatt der Wendung „die franzöfi-
1) Dentidrift vom 5. Mai 1799, S. 283.
2) Dentichrift Niels, Urf. Nr. 250.
3) Denkichrift Lombarb's Urt. Nr. 249.
L Einleitung.
chen Truppen“ den Ausdrud „die franzöfiiche Republit” beantragt hatte !). Man war damit bei den Unterhandlungen nicht durchgedrungen, nad) dem Frieden juchte man fid damit auszureden, daß jener Wortlaut nur aus Rüdfidt auf die öffentliche Meinung in Deutichland gewählt fei, ohne daf Frankreich dadurch verpflichtet werde. Im Einzelnen wurbe den preußifchen Wünjhen nad einer milden Behandlung der linférbeinifhen Lande zuweilen Rechnung getragen: im Ganzen hielt man an dem angeblichen Rechte feft, diefelben noch vor ihrer endgiltigen Abtretung wie das franzöfifche Gebiet jelbft verwalten zu können.
Bei den Verhandlungen in Berlin, deren wir eben gedachten, machte num der Freiherr von Alvensleben den König darauf aufmerffam, daß na dem Bruche des Eongrefie von Raftatt und bei der unabjehbaren Fortdauer des frieges Preußen feine linfsrheiniichen Lande nicht länger in der Gewalt der Franzojen laffen dürfe. Er ftellte den Antrag, von den Franzofen nicht nur die fofortige Herausgabe diejes Gebietes, fonbern auch Entjhädigungen für die feit dem Frieden von Baiel dafelbit wieberrechtlich erhobenen Einkünfte und Gontributionen zu verlangen, würde Frankreich) darauf nicht gutwillig eingehen, fo jollte der König fid jein Recht mit den Waffen in der Hand felbft juchen?). Die andern Minifter traten diefer Anfchauung bei. In der erwähnten Conferenz vereinbarten Haugwis, Sindenftein und Ulvensleben eine gemeinjame Eingabe, in der fie dem König vorftellten, daß Preußen ein Recht habe feine Provinzen zurüdzufordern, nachdem burd den Bruch des Congrefies von Rajtatt die eventuelle Abtretung derjelben null und nichtig geworden fei. Unter keinen Umftänden dürfe man fid der Möglichkeit ausfeben, daß die preußischen Gebiete linté des Nheins burd die Waffen der Ofterreider und Auffen aurüderobert würden. Da aber ein Angriff auf das linfsrheinifche Land nothwendig zu einem Angriff gegen Holland führe, jo wünjchten fie zu neuen Verhandlungen mit Grenville und PBanin und gugleid zu einer Berhandlung mit dem Direktorium wegen der linférbeinifden Befigungen Preußens bevollmächtigt zu werden. Allein aud diefe Vorftellungen, jo gefhidt fie auf das landesväterliche Herz Friedrich Wilhelm’3 III. berechnet waren, blieben erfolglos. In der Alternative zwijchen Neutralität und Theilnahme am Kriege entjchied fid der König für Die erftere, weil, wie er, oder, man darf wohl jagen, wie Lombard jchreibt, die Neutralität immer nod die Theilnahme am Kriege vorbehalte, während diefe die Rückkehr zu jener unmöglich mache‘).
1) Bergl. ben von Merlin be Douai verfaßten Exrlaß des Wohlfahrtsausichufles vom 22. März 1795 bei Sorel in der Revue historique 7, 63.
2) Dentidrift vom 12. Mai 1799. Urf. Ar. 253.
3) Der Entwurf zu biejer Eingabe an ben König (18. Mai) ift von Haugwig im Sinne größerer Œntihiebenbeit burdcorrigirt worben.
4) Schreiben an Alvensleben, S. 302,
V. Drobenbes Senwirinif swifden Preußen und Frankreich. 1799. LI
Aud nad diefer Zurüdweifung inbeffen ftand Graf Haugwit feinesweg8 davon ab, den König doc nod in der einen oder anderen Form zum Anjchluß an die Beftrebungen der Coalition zu überreden. Auf einer Reife, Die der König unmittelbar nach den eben erzählten Verhandlungen in jeine weftfülifhen Lande unternahm, fam e8 in Peteröhagen, am 2. Yuni, zwiichen dem König, dem Herzog von Braunfchweig, Haugwig und Ködrik zu einer Befpredung, bei der die Gründe für einen Beitritt Preußens zu der Coalition nochmal3 in Erwägung gezogen wurden. Auf den Bor: Ihlag von Haugwig, dem fich der Herzog von Braunfchweig eifrig anidlof, genehmigte der König endlich die militärische Mitwirkung Preußens zur Befreiung Hollands. Er Fnüpfte aber, wie feine Minifter fdon früher empfohlen hatten, die Bedingung daran, daß Preußen nicht eher in die Ation einzugreifen habe, als bis die Verbündeten die bei dem Abfchluß des Friedens von Campo Formio innegehabten Stellungen am Rhein und Main wieder eingenommen hätten. Al jebod am folgenden Tage Graf Haugwig den König um eine formelle Vollmacht erjuchte, auf Grund deren er die Verhandlungen mit Grenville und Panin führen könne, fchredte der König abermals vor der legten, unwiderruflichen Entjcheidung zurüd. Er erklärte dem Grafen, er fühle zu jehr die Schwere der Verpflichtungen, die er damit auf fid nehme; er wünjchte vorher mit Sachjen und Geffen fit für den Kriegsfall ins Einvernehmen zu jeben, und Iud den Grafen ein '), ihm zu dem Landgrafen von Gefjen zu folgen. Aber weder in Eafjel, wo das gebanfenvolle und zurüdhaltende Weien des Königs alljeitig bemerkt wurde, nod) auf der ferneren Reife in die fränkischen Provinzen vermochte Haugwig von dem König einen endgiltigen Befdeid zu erlangen. Friedrich Wilhelm zeigte fi) im ganzen weniger abgeneigt als bisher zur Befreiung Hollands in einem gewiffen Zeitpunfte tatkräftig mitzuwirken; nur wollte er jedenfalls vorher einen Berfud machen, auf dem Wege der Unterhandlung dasjelbe Biel zu erreichen. Hauptjächlic) aber widerftrebte e8 ihm durch irgend einen jchriftlich firirten Vertrag, in welcher Form e8 aud fein mochte, fich die Hände im voraus zu binden.
Bei der Rüdtehr nad Berlin fand man die Weltlage einigermaßen verändert vor. Der ununterbrochene Siegeszug Suworow'8 in Italien, ber eben Macdonald an der Trebbia gefchlagen hatte, machte einerfeits die Theilnahme an dem Kriege weniger bedenklich und anbererfeits eine Verftändigung mit der fiegreichen Coalition dringender. Wbermald begann Gaugwit mit Grenville — Panin war nad) Carlabad gegangen — eine Unterhandlung. Man kam einander jo weit nahe, daß ein Vertrag formulirt wurde, der im Befentliden auf den von Haugwis in Petershagen gemachten Bor- Ihlägen berubte. Am 10. Juli überreichte ihn Haugwig mit einem empjehlenden Anjchreiben der Minifter dem König, der fich zuftimmend
1) Graf Haugwig an Graf Findenflein, Minden, 3. Juni. D"
LII Einleitung.
darüber äußerte. Man eilte, Banin aus Garl3bad herbeizurufen. Allein, noch ehe derjelbe in Berlin anlangte, war die Stimmung bei König Friedrid) Wilhelm wieder umgejchlagen. Haugmwis hatte, auf das Andringen feiner beiden Kollegen !), dem König die Nothwendigkeit vorgeftellt, das Minifterium mit einer jchriftlichen Vollmacht für die Unterhandlung über den Vertrag zu verjehen. Er hatte zugleich in einer neuen Denkjchrift noch einmal — e8 war bas lebte Mal — alle die Gründe angeführt, die fih für den Anfchluß an die Coalition geltend machen ließen). Der König fträubte fid lange, etwas jchriftliches darüber von fic) zu geben; er war nachdenklich und unruhig, ganz erfüllt von der Schwere der Berantwortlichfeit, die auf ihm laftete. Endlich wies er den Grafen jchriftlic) an, keinerlei bindende Verpflichtungen gegen England und Rußland zu übernehmen 3).
ES ift möglich, daß, wie behauptet wird, abermals Lombard auf die Sinnesänderung des Königs, — wenn man von einer folchen überhaupt iprechen darf — eingewirit babe‘). Gewiß it, daß Friedrich Wilhelm II. jehr zufrieden war, als daraufhin von Seiten der Verbündeten alle fernere Verhandlung mit Preußen abgebrochen wurde (24. Juli). Wenn übrigens der König auch eine thatkräftige Theilnahme an dem Kriege gegen Grant: reich verweigert hatte, fo verfannte er doc) feineswegs, daß Preußen in dem dermaligen Augenblide irgend etwas für Holland und die Linfsrheinifchen Lande thun müfje. Indem er alfo dem Grafen Haugwih die Weijungen gab, die den Abbruch der Berhandlungen mit Rubland und England veranfaßten, befahl er ihm gleichzeitig e8 dahin einzuleiten, daß fich Frankreich freiwillig zur Räumung Hollands und der linfsrheinischen Lande verftebe.
Es ift Zeit, einen furzen Blid darauf zu werfen, wie fich inzwifchen die Beziehungen zu Frankreich geftaltet hatten. |
Bon eigentlichen Unterhandlungen war feit dem Oktober 1798 zwijchen beiden Staaten faum die Rebe gewefen, die Thätigfeit der beiberfeitigen Gefandten beichränfte fi im Wefentlichen darauf, bas politische Verhalten des Staates, bei dem fie beglaubigt waren, aufmertfam zu beobachten. Der Abbe Sieyès konnte fid dabei nicht verhehlen, wie jehr die Abneigung gegen Frankreich in Berlin zunchmed); aber er kannte anbererfeits Die friebfertige Gefinnung des Königs und feiner nächften Umgebung zu gut, um etwa eine Wendung der preußijchen Politif im friegerijhen Sinne zu be-
1) Aufzeichnungen von Alvensleben, in feinem Nachlaß.
2) Bergl. Url. Nr. 267.
3) Erlaffe vom 17. und 21. Juli. Urf. Nr. 268. 270,
4) So behauptet Schöll in ber frangöfiichen Bearbeitung der Harbenberg’ihen Memoiren (Manuftript des Geh. Staatsarhives). Der franzöfiiche Gefchäftsträger Otto nennt Baftroiw als denjenigen, der bie Œntideibung im Sinne des Friedens gegeben babe. (Be: richt vom 27. Juli 1799.)
5) »L'excommunication pour nous est générale et la proscription de quiconque ose avoir des rapports avec nous est süre« (6. Mai 1799).
V. Drobenbes Zerwürfniß smwifen Preußen und Frankreich. 1799. LIII
fürchten. Er jowohl wie fein Nachfolger Otto waren immer auf das Trefflichte von allem unterrichtet, was am preußischen Hofe und im Minifterium vorging. Man wußte bis ins Einzelnfte, mit welchem Eifer Graf Haugwis den König zu friegerifen Entjchlüffen fortzureißen fuchte, aber man wußte auch ebenfo, daß der König fid durch nichts in feinem Syfteme der Neutralität erfchüttern laffe. Diefe genaue Renntnif der Lage der Dinge am Berliner Hofe, wie fie bei der franzöfiichen Regierung vorhanden war, muß man fic) gegenwärtig halten, wenn man den Gang der Unterhandlung verftehen will, die bas preußifche Minifterium wegen der linfsrheinischen Lande und Holland damals in Angriff nahm.
Am 20. Juli fprad Graf Haugwig dem franzöfischen Gefchäftsträger den Wunjd) aus, daß die Republit den Holländern ihre Unabhängigkeit zurüdgeben möge; ohne das fei ein Berftändnif zwifchen Preußen und Sranfreih unmöglihd. Um Holland die Hand zu bieten und die Freiheit diefes Landes zu fidern, miüffe Preußen auch auf Herausgabe feiner lintsrheinischen Befitungen beftehen!). In ähnlicher Weife äußerte fich der Dberft Zaftrow; aud) er bezeichnete ald Wunjch des Königs die Herftellung eines unabhängigen Holland, burd bas Preußen von Frankreich getrennt werde; auf die linfsrheinifchen Gebiete, jo behauptete er, Lege der König wenig Gewicht. Übrigens verficherte er den Gefchäftsträger, daß der König nicht entfernt daran denfe, die Koalition zu unterftüßen.
Die Forderung Preußens gelangte nad Frankreich in einem Augen: blid, wo die Siege der Verbündeten eine gewiffe Nachgiebigfeit nahe zu legen fchienen. Gleichwohl wies man das Verlangen Preußens mit der Bemerkung von der Hand, daß Holland fit bereits voller Unabhängig: feit erfreue. Über das Iinfsrheinifche Land vermied man e8 fich überhaupt zu äußern, da Graf Haugwik eine beftimmt formulirte Forderung darüber nicht ausgejprochen Hatte und das Schidjal jener Provinzen von der Ent: iheidung über Holland abhängig zu machen jchien.
ES hatte doc) einen Augenblid das Anfeben, als ob nad) biejer abichlägigen Antwort Preußen fid zu energifchen Entjchlüffen aufraffen werde. Graf Haugwig erflärte dem franzöfiichen Gefchäftsträger, daß er nad) einem derartigen Befcheide ihm nichts mehr zu jagen babe; der König werde durch den preußischen Gefandten in Paris feine Forderung wieder: holen und inzwifchen feine Truppen an den Rhein vorrüden laffen?). Das geihah in der That: von der Wejer aus febte fid eine Heine Truppen: macht langjam gegen Wejel in Bewegung, um für den Fall eines Heranrüdens der Ruffen und Engländer, deren Landung in Holland erwartet wurde, den Rhein zu überfchreiten und das preußische Gebiet zu befegen.
Auch diefe drohenden Erklärungen und Schritte aber brachten in Paris
1) Bergl. Urt. Nr. 271 und Bericht Otto's vom 20. Juli, ©. 502. 2) Beridt von Otto, S. 507 f.
LIV Einleitung.
um fo weniger Wirkung hervor, als die Umgebung des Königs e8 fich gleichzeitig angelegen fein ließ, die Tragweite derjelben möglichjt abzuihwädhen. Man kannte den Zwiefpalt, der zwifchen den Anjchauungen des Königs und feines Rabinets auf der einen Seite und der Politif des Minifteriums, wie fie burd Haugwig vertreten wurde, auf der andern Seite obwaltete. 3 ift überhaupt eine eigenthümliche Erjcheinung, wie oft in der Geichichte des alten Preußen gerade in entjcheidenden Augen: bliden ein Gegenjag zwifchen den Anfichten des abjoluten Königs und des Minifters, der die auswärtigen Angelegenheiten leitet, zur Erjcheinung fommt und auf den Gang und Charakter der preußifchen Politit nadtheilig einwirft. So war e8 einft in den Lebten Jahren des Grafen Derbberg geweien; jo war e8 jebt im Jahre 1799 bei den Verhandlungen mit den Mächten der Coalition und befonders mit Franfreih. Die Ber: handlungen waren dadurd) von vornherein fo gut wie ausfichtslos. Wie hätte Frankreich fid zur Nachgiebigkeit gegen die von Haugwig ausgehenden Forderungen verftehen follen, wenn es mit aller möglichen Beftimmtbeit wußte, daß der König benjelben niemals thatkräftig Nachdrud verleihen werde?
So zogen fi) in dem umverhüllten Gegenjab zwijchen König und Minifter die Unterhandlungen mit Franfreih im September und Dftober wiberfprud8voll und ergebniglos bin. Einen Augenblid — gegen Ende September — trug man fid in Frankreich) mit dem Gedanken, den Forderungen Preußens wenigftens infoweit nachzugeben, ald man die preu- Biihe Kammer in Eleve und damit die preußifche Verwaltung wieder herftellen wollte‘). Da aber ftrômten die Siegesnadhrichten von allen Seiten herbei: bei Bürid hatte Mafjena das ruffische Heer zertrümmert, in Holland Brune den Engländern und Ruffen Niederlagen beigebradt, die zur Räumung des Landes burd die Verbündeten führten.
Die Einwirkung diejer Ereigniffe auf die preußische Politit war durd)fdlagend: die Forderung einer Räumung der linfsrheinifchen Lande jchränfte man ein auf das Verlangen nad) Rüdgabe der Verwaltung, von einer Ver: wendung für Holland war nicht mehr die Rede. Graf Haugwiß, der alle feine Beitrebungen hatte mißlingen feben, 30g fich wieder ganz auf das Syjtem vollftändiger Neutralität zurüd, wie er e8 von 1795 bis 1798 verfodten hatte?). Bon aller Feindjeligkeit gegen Granfreid fab er ab: bald trat ein Ereignis ein, welches ihn fogar wieder zu einer Annäherung an den eben noch befehdeten Staat veranlaßte.
1) Erlaf an Otto, 29. September 1799.
2) Bergl. Aufzeihnung des Grafen Haugwit, 28. Oftober 1799. Url. Nr. 291.