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VI. Bicderannäberung Preußens an SGranfreit

Am 9. Dftober 1799 war Napoleon Bonaparte nad einer rajchen und glüdlichen Fahrt in TFrejus gelandet; am 9. November bemächtigte er fi durch einen Staatsftreich der Regierung von Frankreich).

In Berlin, wo die Mafje der Bevölkerung ohnehin eher zu Srankreic) ala zu Dfterreich neigte, war der Eindrud diefer Ereignifje ein ungemein günftiger. Das Bolt freute fich der Rückkehr des Mannes, der die Dfterreicher jo tüchtig gejchlagen Hatte, und trant auf feine Gefundheit!). Auch am Hofe und im Minifterium wurde der Umjchwung mit einer gewiljen Genugthuung aufgenommen. Man hatte jchon immer und jelbft bei der friegerifchen Wendung der Dinge in den legten Monaten den Staat Frankreich von dem revolutionären Regiment, bas ihn augenblidlich beherrichte, unterjdhieben : wenn man auc die Übergriffe des lebteren befämpfte, fo erblicte man in jenem bod nad) wie vor einen natürlichen Verbündeten Preußens. Iebt begann man zu hoffen, daß in Frankreich fid eine Regierung bilden werde, mit der fich ein freundichaftliches Einvernehmen beritellen und aufrecht erhalten laffe. Der außerordentliche Botichafter, General Duroc, durd) den Napoleon die Einrichtung der Konjular-Regierung in Berlin anzeigen ließ, fand die freundlichite Aufnahme; der König drüdte ihm feine Hoffnung aus, dag nun bald Friede werde, und äußerte den Wunjdh, dazu mitzuwirken.

Auf franzöfiicher Seite war eine jolhe Neigung zu einer Annäherung vorerft nicht in gleichem Maße vorhanden. Die jchwanfende und wibderipruchsvolle Bolitit, die Preußen in dem Gedränge zwilchen der Eoalition und Sranfreid und in dem Gegenjaß zwilchen König und Minifterium zulegt innegebalten, hatte in Paris einen Eindrud bervorgebract, defjen ungünftige Nachwirkung fich lange geltend machte. Der neue Gejandte, General Beurnonville, der im Januar 1800 nach Berlin gejchicdt wurde, empfing den Auftrag, fi) auf die aufmerfjame Beobachtung der preußijchen Bolitit, namentlich der Beziehungen zu den norddeutichen Ständen zu be ihränfen. Zu Anträgen in alter Weije war er nicht bevollmächtigt 2).

Inzwifchen nabm aber die Lage der Dinge in Europa eine jolcdhe Geftalt an, ba für Preußen wie für Frankreich ein befferes Berbältnif zu einander immer wünjchenswerther wurde. Wenn auch Holland und die Schweiz wieder in die Hände der Franzojen gefallen waren, jo behaupteten fid doch die Ofterreider als Herren in Süddeutichland und Italien. Das Anwachien ihrer Macht begann in Berlin läftig zu werden; von ihnen am allerwenigften hatte Preußen bei den etwaigen TFriedensverhandlungen Rüdfidt für jeine Intereflen zu erwarten. Die Hauptjache aber war, daß Kaifer Paul, der die Seele des Krieges gegen Frankreich gewefen war, mit

1) Bericht Otto's, 26. Oftober 1799.

2) Bergl. Inftruttion für Beurnonville, S. 514,

LVI Einleitung.

Ofterveid und bald auch mit England in Streitigkeiten gerieth, infolge deren er fid) ganz von der Coalition zurüdzog. Damit zerfiel die europäifche Kombination, die einen Augenblid nahe daran gewejen war, aud Preußen in ihren Kreis hineinzuziehen. Preußen konnte feine alten freund- Ichaftlihen Beziehungen zu Rubland erneuern, ohne darım feine neutrale Haltung in dem immer nod fortdauernden Kriege aufgeben zu müfjen.

Eben dieje Abwendung Rußlands von der Coalition und feine Annäherung an Preußen wurde nun aud für die Beziehungen zwifchen Preußen und Franfreic maßgebend. In den erften Tagen des Monat Januar 1800 jura Talleyrand dem preußijchen Gejandten in Paris den Wunjh aus, dab Preußen eine Annäherung zwijchen Grantreid und Rubland vermitteln möge. Das Minifterium in Berlin, das im allgemeinen gern dazu bereit gewejen wäre, hielt doc) die Lage der Dinge für ungeeignet zu einem derartigen Berfuch. Allein der König dachte anderd. Er meinte, daß man mit einer jolchen Anficht vielleicht gerade den geeigneten Augenblid verpafje, und befahl dem Grafen Haugmwiß, die friedfertigen Gefinnungen der neuen franzöfiichen Regierung nad) Petersburg zu übermitteln und von Diejem Schritte in Paris Mittheilung zu machen !).

Die Nachricht von diefer Annäherung Preußens war in Paris um jo willtommener, als die Verhandlungen, die Frankreich inzwischen mit Ofterreic) und England unmittelbar angefnüpft hatte, feine Ausficht auf Erfolg eröffneten. Wie es deshalb drei Jahre vorher gejchehen war, jo drängte man jebt wieder eifrig in Preußen, die Rolle eines bewaffneten Vermittler8 zu übernehmen. Bei einem längeren Feithalten an jeinem neutralen Syfteme, jo ftellte man vor, werde Preußen fein Anjehen gefährden und alle Früchte jeiner langen Ruhe verlieren. Dfterreich bedrohe das Gleichgewicht in Deutichland und Europa mit dem Umfturz?). Aber die nämlihen Momente, die früher alle derartigen Unterhandlungen jcheitern ge: macht Hatten, traten auc diesmal wieder hindernd in den Weg. Yon einer bewaffneten Bermittelung wollte man in Berlin überhaupt nichts hören ; jebenfalls verlangte man vorerjt nähere Angaben über die Bedingungen, unter denen fic Frankreich zu einem Frieden verftehen wolle.

Der erfte Conful jelbft war e8, der biefe Frage beantwortete. Er er- Härte dem preußifchen Gejandten in Paris, daß er an der Erwerbung Belgiens und des linken Rheinufer fefthalte. „Nie“, jagte er, „werde id) meine Unterfchrift unter einen Vertrag feben, der nicht diefe beiden Bedingungen enthält.“ Dagegen verzichtete er bereitwillig auf alle Anjprüche, die das Direktorium aucd auf Kojten des rechten Rheinufer erhoben hatte; von Kehl, Kaftel, Ehrenbreitftein jollte nicht mehr die Nede fein. Von

1) Bergl. Erlafje des Königs an Haugwig, Urf. Nr. 310. Su Beurnonville jagte der König am 27. Januar bei einem Ball: »Je suis prêt à vous aider à faire la paixe. 2) Bergl. Erlaf an Beurnonville, 15. Februar 1800, ©. 522.

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