‹ Preussen und Frankreich von 1795 bis 1807Chapitre 3 sur 234 · I. Preußens beutihe Politit im Jahre 1795. XIX · texte numérisé non relu

I. Preußens beutihe Politit im Jahre 1795. XIX

Hardenberg verbeblte fich doch nicht ganz, daß hierdurch die preufifche Politif mit ihren weitausgreifenden Entwürfen zum Stillitand gekommen war. Mit nicht geringen Anftrengungen hatte Preußen ein Reidsgutadten durchgejeßt, in welchem der preußifchen Verwendung wenigitens gedacht wurde, indem man diejen anfcheinenden Erfolg wirklich auszunugen fuchte, zeigte fic erjt die völlige Bebeutungslofigteit deffelben: es ftellte fich als unzweifelhaft heraus, daß e8 allein von Ofterreich abhänge, ob und wann Preußen jeine guten Dienfte irgendwo werde anbringen fünnen. Wenn die öfterreichijche Politit damit der preußifchen unverkennbar eine Niederlage bereitet hatte, jo erblidte Hardenberg darin vielmehr eine Aufforderung, dem Minifterium in Wien mit doppelter Zuvorfommenheit und Nachgiebigfeit zu begegnen: er bat Haugwig injtändigft, doch die Zufammenkunft mit Thugut zu Stande zu bringen). Gleichzeitig aber, indem er die Nothwendigfeit der Verjtändigung mit Ofterreid in den ftärfften Worten bervorhob und alle andern Gefichtspunfte diefem einen unterordnete, that er jelbjt Schritte, die Ofterreid auf das Empfindlichite verlegen mußten. Da von einer Verwendung für das Reid nicht wohl mehr die Rede fein konnte, jo fam er wieder auf die Sonderverträge einzelner Stände zurüd, die er zu hintertreiben noch eben mit Goerk verabredet hatte, und juchte die preußische Vermittelung für Hefjen-Eafjel, Baden und andere Stände zur Geltung zu bringen ?).

In Berlin erfaßte man dies Mal die Lage der Dinge doch flarer als Hardenberg. Man erwog namentlich, daß das faiferliche Hof-Ratififations- Dekret (Wien, 29. Juli) auf das NReichögutachten vom 3. Juli bei allem ‚Aufwand von jchwanfenden und nichtsfagenden Worten“ doch die „Abneigung dem ?Friedenswerk jchleunigen Fortgang zu verjchaffen“ deutlich verrate, man eriwog ferner, daß die Verhandlung mit Frankreich für das deutjche Reid nicht jo günftig verlaufen werde, um die Rolle eines Vermittlers dabei befonders wiünjchenswerth zu machen, und man kam endlich zu dem Entichluffe, den Dingen ihren Lauf zu laffen und auf die preußijche Verwendung weder für das Reid in feiner Gefammtheit noch für einzelne Stände weiter zu beftehen ?).

Indem Graf Haugwig fo an der Erreichung des Ziele verzweifelte, das ihm bei Abfchluß des Friedens von Bafel vorgefchwebt hatte, wurde auch biefer Friede felbft, beffen Sicherheit die Demarfationslinie verbürgen jollte, durch die Verlegung derjelben auf das Exnftlichjte gefährdet.

In der Nadt vom 5. zum 6. September überjchritten die Franzojen unter Jourdan in der Nähe von Düfjeldorf den Nhein, indem fie einen

1) Hardenberg an Haugwig, 14. Auguft: »Dussiez-vous aller en secret jusqu'aux portes de Vienne, dussiez-vous offrir la conférence vous-même à Thugut, je ne balancerais pas«.

2) Urf. Nr. 11.

3) Urf. Nr. 12. Erlaÿ an Goerb, 19. Auguf.

XX Einleitung.

zum Schuße der Demarfationslinie bei dem Eichelfamp aufgeftellten preufichen Posten zurüddrängten. Es war das nicht eigentlich eine Verlegung der Demarfationslinie, — denn der Eichelfamp im Herzogtum Berg gehörte zur Pfalz, die auf Neutralität um jo weniger Anjpruch hatte als ihr Rontingent noch bei der Reichsarmee ftand, — aber doch eine empfindliche Schädigung des preußiichen Anfehens in Deutichland und ein Bruch der von den preußischen und franzöfiichen Truppen an der Grenze getroffenen Berabredungen. Dazu fam dan nod, da die Ofterreicher bei ihrem Ridzuge die wirkliche Demarfationslinie durchbrachen und von den Franzojen über diejelbe hinweg verfolgt wurden. Auf die Nachricht von diefen VBorfällen gab das militärische Cabinet des Königs fjogleich dem Prinzen Hohenlohe die Weifung, die Überjchreitungen der Demarfationslinie in Zukunft ruhig gefcheben zu lafjen und nur die davon betroffenen Gegenden vor Verwüjtung zu jchügen‘). Hohenlohe war unglüdlid über diefe und ähnliche Befehle, die ihm von Potsdam aus zugingen, denn er war ganz der Anficht Hardenberg’ 3, daß nur durch nadbrüdlides Auftreten und eine „ferme Sprache” das Anjehen Preußens bei den deutjchen Ständen und bei Frankreich fid) aufrecht erhalten lafje. Ohne deshalb jene Weijung bejonders zu beachten, bemühte er fidj vielmehr, von Clerfait, dem Oberbefehlshaber des öjterreihifchen Heeres, und von Jourdan eine Anerkennung der Demarfationslinie zu erlangen. Clerfait gab anfangs nur ungenügende Verjprecdjungen und erklärte endlich, daß ihm von feinem Hofe wegen einer Demartationslinie nicht zugefommen fei. Jourdan, mit dem Hohenlohe am 10. Dftober eine Zufammenkunft in Höchjt Hatte, machte dem Prinzen Mittheilung von der bejtimmten Weifung feiner Regierung, gegen diejenigen Stände aud hinter der Demarfationslinie, die ihre Kontingente nod nicht von der Reiche: armee zurüdgezogen hätten, obne alle weitere Rüdficht zu verfahren und bejonders die von den Preußen bejebte Stadt Frankfurt zu vecupiren. Es gelang den Borftellungen Sobenlobe 8 nur, den franzöfiichen General von der Frankfurt betreffenden Forderung abzubringen, dafür verpflichtete er jich,

eine jede Verlegung der Demarkationslinie burd die Ofterreicher jogleid) zur Kenntniß zu bringen. Diejer Fall trat nod an demjelben Tage ein:

die Ofterreicher, die fich übrigens febr rüdfichtsvoll und freundichaftlich be-

trugen, überjchritten den Main bei Seligenjtadt und durchbrachen damit von neuem die Demarkfationslinie. Hohenlohe benachrichtigte jogleich die drangofen von diefem VBorfalle und zog fich weiter zurüd, indem er ihnen die Stellung von Höchft überließ?). Glüdlicherweife verbiütete bas fiegveiche VBordringen der Ofterreider, durch welches der Kriegsichauplag aus der Umgegend von Frankfurt nad) dem Rhein verlegt wurde, nod weitere Berlegungen der Demarfationslinie.

1) Zaftrow an Hohenlohe, Potsdam 16. September. 21 Nah den Schreiben Hobenlobe's an Hardenberg, 14. und 20. Oftober.

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