I. Preußens dentiche Politit im Jabre 1795. XXI
Während Hohenlohe und bejonders Hardenberg über die franzöftichen Erklärungen nicht genug Worte der Entrüftung finden konnten, hielt man es in Berlin nicht für ein Intereffe Preußens, in diefer Berwerfung der Demarkationslinie zugleich von franzöfifcher und dfterreihifher Seite Hand: ungen der TFeindjeligfeit zu erbliden. Die Rüdfiht auf die polnischen Berhältniffe, über die eben die entfcheidenden Unterhandlungen in Petersburg gepflogen wurden, fdien ein neues Zurüchweichen im Weften nothwendig zu machen. Auf den Rath von Haugwib ertheilte der König am 24. Dftober dem Prinzen Hohenlohe den bejtimmten Befehl, die Gegend von Frankfurt zu räumen und feine Truppen nad) Ansbach zurüczuziehen!). In der That begann am 8. November der Abmarjch der preußiichen Truppen, am 11. November verließ Hohenlohe jelbjt Frankfurt. Hardenberg dagegen wurde angewiejen, an Barthelemy zu erklären, daß Preußen auf die Strede der Demarfationglinie bei Frankfurt verzichte, aber an der zum Schube Weit: falens gezogenen initie fejthalte, wobei man freilich die Nothwendigteit nicht verfannte, hierüber eine nähere Vereinbarung zu treffen. —
Überblidt man den Gang der Dinge feit dem 5. April 1795, fo kann man af baë Ergebnif deffelben bezeichnen, daß Preußen in dem VBerfuche deutjche Neichspolitif zu treiben gefdeitert und auf eine partifulariftifch preußische Bolitif zurücdgeworfen war. Ich wiederhole: Preußen hatte in Bafel Frieden mit Frankreich geichloffen, nicht um fi) von dem Reiche zu trennen, jondern in dem Wunjche und in der Erwartung, dadurch dem Reiche den Anftoß und die Möglichkeit zu einem baldigen Frieden zu geben. Aber wie ganz anders waren die Dinge gefommen, al3 man im Frühjahr hatte hoffen dürfen. Dfterreich), zur Zeit der Einleitung der preußifchen Unterhandlungen jelbjt dem Frieden nicht abgeneigt, hatte fit mit England und Rußland zur ortiebung des Krieges verbunden; das deutjche Reich, bei allem jeinem dringenden und eingejtandenen Bedürfnig nach Frieden, hatte fi) von neuem in die friegerifhen Strömungen der üfterreichischen Rolitif hineinziehen lafen, Frankreich endlich), das einer maßvollen und friedfertigen Politif gewonnen jchien, war jeit dem 5. Oktober der Herr: ihaft der revolutionären und erobernden Tendenzen wiederum verfallen.
Bei diejer Entwidlung der Dinge hatte Preußen, da3 davon aufs Empfindlichjte betroffen wurde, zwar nicht unthätig, aber ohnmächtig zur Seite geftanden. Wenn das zum nicht geringen Theile durch VBerhältniffe bedingt wurde, die außerhalb des Machtbeveiches der preußiichen Politik lagen, jo fällt doc) ein vielleicht noch größerer Theil der VBerjchuldung dem Grafen Haugwib zu, der nur zu oft die Verwirklichung feiner beften Gedanfen durch jeine Schwäche und Nachgiebigkeit unmöglich gemacht hat. Der Friede, die Sicherung defjelben durc die Demartation, jeine Ausdehnung auf das Reid, waren im Wejentlichen Ideen von Haugwih gewejen; aber
I) Haugwig an Findenftein und Alvensicben, 24. Oftober 1795.
XXII Einleitung.
andrerjeit3 war auc) er e8, der die Ausführung diefer Jdeen jchon im Beginne verdarb, indem er durch fein ängjtliches Drängen nad Frieden den beflagengwerthen Artikel über die Rheingrenze in den Bajeler Vertrag bineinbrachte und der dann endlich den Frieden jelbft durch die Preisgebung der Demarfationslinie gefährdete. Wir fprechen hiermit nicht ein eigenes Urtheil aus: wir wiederholen nur die Anjchauungen, die man in den Briefen der betheiligten preußifchen Staatsmänner und Generale jener Zeit allenthalben vorfindet. Hardenberg und Lucdefini, Hohenlohe und Gervinus, fo febr fie jonjt in ihren Anfichten auseinander gehen, treffen doch in den bitteren Klagen über die Schwäche des Grafen Haugwi zufammen. Sie wollten e3 nicht gelten lafjen, daß die innere Erihöpfung Preußens und die Unficherheit feiner auswärtigen Beziehungen Nachgiebigfeit in jedem Konflikte gebiete, fie bemerften, daß aud) in den fremden Staaten, befonders in Frankreic) und Dfterreich, diefelben Schwierigkeiten im Inneren und nad) Außen obwalteten. Sie verlangten ein feites und entjchiedenes Auftreten Preußens, das allein den Frieden fidern und dem Sinten des preußijchen Anjehens ein Ziel jegen fônne.
In der That wurde e8 im Gerbft 1795 nothwendig, fich zu beftimmten und entjcheidenden Œntidlüfien für ein neues politisches Syften aufauvaffen. Die Abmachungen von Bafel, die aus Rüdfidt auf den jo bald erwarteten Reichsfrieden eine unfertige Form erhalten hatten, mußten einer fejteren Regelung der preußifchen und franzöfiichen Beziehungen Plat mahen; die Neutralitätslinie, deren weiter Umfang ebenfalls aus Rücdficht auf die Reichsftände gewählt war, mußte jo gezogen werden, daß ihre Aufredthaltung Preußen möglich wurde. Das Reid, unter dem Einfluß von Dfterreich, hatte fich geweigert, Preußen auf dem von diefem Staate einge- Ichlagenen Wege zu folgen: die Vertheidigung der deutjchen Intereffen in Gemeinjamfeit mit dem Reid), die man auch in Bafel immer im Auge ge: habt, war damit vor der Hand unmôglid geworden. Die deutfchen Ge: fihtspunfte mußten vor den preußifchen zurüctreten: e8 galt nun, Die Kräfte des Staates zum Schuße der preußischen Interefjen allein zufammen-
aufaffen.
IL Der Berliner Vertrag vom 5. Auguft 1796.
Mit diefem Wechjel in der allgemeinen preußifchen Bolitit und in dem Gegenftande der Verhandlungen zwifchen Preußen und Frankreich traf es auch gujammen, daß burd die formelle Wiederanfnüpfung der biplomatischen Beziehungen zwijchen beiden Staaten die bisher in Bajel von Hardenberg und Barthelemy geführte Verhandlung in andere Hände über: ging. Bon franzöfiiher Seite erfah man zum Gejandten in Berlin Antoine Bernard Gaillard, der bisher nur in untergeordneten Stellungen in Kopenhagen, Petersburg und im Haag thätig gewejen war. In Berlin hätte man, wie berührt, Barthélemy vorgezogen , gegen Gaillard war man