II. Der Berliner Bertrag vom 5. Auguft 1796. XXII
noch befonders miftrauifd, ba er einft im Haag gegen die Erbftatthalterin, Schweiter König Friedrich Wilhelm'3 II., gewirkt hatte. Indeffen war Die Haltung des neuen republifanifchen Gefandten, der am 20. Dftober 1795 in Berlin anlangte, von Anfang an jo maßvoll und verfühnlid, fo ganz verfchieben von dem herausfordernden Auftreten vieler feiner Kollegen, daß e3 ihm gelang, jehr bald bas Vertrauen des Berliner Hofes und Minifteriums zu gewinnen und während der ganzen Dauer feiner Miffion zu bebaupten. Daß er desfelben in vollem Maße wirdig war, zeigen die von ihm aus Berlin erftatteten Berichte, deren wohlwollender, eine Berftändigung aufridtig fürdernder Ton fi) auf das günftigfte unterfcheidet, jowohl von den Berichten feiner franzöfiihen Nachfolger, als aud) von denen feines öfterreichifchen Kollegen.
Die Inftruftionen, die Gaillard nad) Berlin mitnahm, eine der lebten Arbeiten des Wohlfahrtsausfchuffes, entworfen nod vor der Niederlage der gemäßigten Parteien am 5. Oftober, bewegten fit im Ganzen auf einer Linie, auf der eine Verftändigung mit Preußen nicht unmöglich war!). Wenn darin der Anjchluß Preußens an das franzöfiiche Allianz-Syjtem beftimmt in Ausficht genommen ift, fo werben gleichzeitig die beiden Fragen, die dabei bauptiüdlid zur Sprache fommen mußten, in einem für Preußen annehmbaren Sinne behandelt. Der Anfprud auf die Rbeingrenge er: icheint noch feineswegs als ein unbedingter, hauptfächlich aber: die Bereinigung der deutjchen Fürften um Preußen wird als ebenfo febr dem franzöftfchen wie dem preußijchen Intereffe entiprechend anerkannt.
Ein wenig fpäter al8 die Sendung Gaillard’3 nach Berlin erfolgte das Eintreffen des preußifchen Gefandten in Paris, Alfons von Sandoz. Rollin (15. Dezember 17959. Den allgemeinen Tendenzen der preußiichen Politit gemäß, ging fein Auftrag vor allem dahin, die franzöftiche Regierung zum Verzicht auf das linke Aheinufer zu beftimmen, und erft wenn Died nicht zu erreichen fei, für Preußen eine möglichft vortheilhafte Entihädigung auszumwirken.
Indefjen, bei der Gortbauer des Krieges zwijchen Frankreich und dem deutjchen Reiche, lag die Entjcheidung über diefe territoriale Frage nod in weiter ‘Ferne; dringender und unerläßli war e8, nad) dem unzmweifelhaften Bruche des Vertrages vom 17. Mai 1795 die Demarfation und Neutrafität des nördlichen Deutjchland aufs neue und unantaftbarer als bigber feftzuftellen.
1) Bergl. Url. Nr. 15 und bas Schreiben Harbenberg's Nr. 20.
2) David Alfons von Sandoz-Reollin, geboren 1740 in Neuenburg, 1767 als Legations- Schetär im Minifterium des Auswärtigen zu Berlin angeftellt, 1768 im berfelben Eigen- Ihaft nach London und 1769 nad Paris gefchidt, wo er fich die Zufriedenheit Griebrid's II. erwarb, hatte feit 1784 ben Gefanbtichaftspoften in Mabrib befleibet. — Mad feiner Abberufung aus Frankreich hielt er fich theils in Paris, theils in Neuenburg auf, wo er am 28. März 1809 ftarb.
XXIV Einleitung.
Aber die Unterhandlungen, zu denen Sandoz-Rollin nod im Dezem: ber 1795 angewiejen wurde, fanden bei der franzöfiichen Regierung anfangs nicht die Aufnahme, auf die man nad den Erflärungen Barthele: my 3 in Bafel gerechnet hatte. Die allgemeinen Einwendungen zwar, Die namentlid von der Beengung der militärischen Operationen durd) eine Neutralitätslinie hergenommen wurden, ließen fi) unidwer bejeitigen ; ernster und bedenflicher, weil einen neuen Steim zu Awiefpalt enthüllend, war es, daß als der wahre Grund der ablehnenden Haltung Frankreichs die Abficht einer Befehung Hannovers und damit eines Übergreifens nad) Norddeutichland bervortrat!).
Die Nachrichten von diefer Wendung der franzöfiichen Politik, die alle Errungenschaften des Friedens von Bafel in Frage zu Stellen jchien, an fi) Höchjt geeignet, eine tiefgehende Beunruhigung zu erregen, trafen über: dies zu Berlin in einem Augenblid ein, wo eine mächtige Strömung dahin arbeitete, den preußiichen Staat wieder zu einer entichiedenen Feindfeligkeit gegen Frankreich fortzureißen. Bon Rubland war Kalytichew, von England Lord Elgin gejchidt, um in diefem Sinne auf den König einzuwir: fen. Gleichzeitig famen Hardenberg aus Bajel, der Prinz von Hohenlohe aus Ansbad)-Bayreuth herbei, und empfablen, der erfte wenigjtens ein entjchiedenes Auftreten, der andere geradezu die Erhebung der Waffen gegen dranfreid!). Aber weder der König jelbjt, ungeachtet aller Aufwallungen jeines deutjchen und monardijhen Gefühls gegen die franzöfiichen Republifaner, nod) aud) die Männer, auf deren Rath er zu hören pflegte, Graf Daugwit und General Biichoffwerder, neigten zu einem erneuten Anjchluß an die Goalition. Sie waren entidieben, an dem einmal gejichlofienen rieden feitzuhalten, ohne fit doc, anbrerfeits die Nothwendigfeit zu verbeblen, gegen eine Berlegung desjelben durch einen Angriff auf Norddeutjch: land unzweidentige Vorkehrungen zu treffen.
Während deshalb zugleich der franzöfiichen Regierung in Paris und ihrem Sertreter in Berlin unumwunben angekündigt wurde, daß Preußen in einem Angriff auf Hannover einen Friedensbruch feben werde, wandte jih Graf Haugwig, nicht ohne Widerjprucdh des FFreiheren von Alvensleben, an die vornehmiten Stände Norddeutichlands, um fie zum Schuße ihrer bedrohten Neutralität aufzurufen (15. Yebruar 1796). Die Antworten, die man erhielt, waren nicht eben entgegentommend: Sadjjen lehnte ganz ab, andere, namentlich Kurköln, gaben zu verjtehen, daß ihr Ber: trauen auf Preußen erjchüttert jei, und unterzogen beffen Verhalten einer Icharfen und treffenden Kritif. Selbjt der am meisten bedrohte und zu: gleich militärifd und finanziell Leiftungsfähigite Staat, Hannover, zeigte
1) Bergl. Urf. Nr. 28.
1) Bergl. Hardenberg an Biichoffwerber S. 56, Beridte von Gaillard und Reuf &. 433, 527 fg.