II. Der Berliner Bertrag vom 5. Auguft 1796. XXV
fi widenwiflig und ablehnend. Snbdeh ließ fih Graf Haugwig nicht zu: rüdjchreden: er beharrte bei dem Gedanfen, die Neutralität Norddeutjcd) lands unter den Schuß eines von ben norbbeutihen Ständen aufgebrad)ten und verpflegten Heeres zu ftellen. Da e8 fich dabei wejentlid um den niederjächliichen Kreis handelte, jo fam man auf den Gedanken, den feit 1652 nicht verfammelten niederfächfiichen Kreistag nad) Hildesheim zu berufen und burd ihn die Sade ins Werk feben zu laffen. ES glüdte, erit die Heineren Stände namentlid Hildesheim felbft und Braunfchweig dafür zu gewinnen, endlich, nachdem das Fürftenthum Calenberg durch jeine Vertreter fi) energifch für Preußen ausgefproden hatte, erklärte fic) auch Hannover zur Theilnahme bereit. Der Kreisconvent trat in der That zu Hildesheim zujammen und übernahm zunächjt die Verpflegung der Truppen, Die Preußen bereit3 in Minden zufammengezogen hatte. So leiftete die Kreißverfafjung, auf der das Reid beruht hatte, in Norddeutichland ihren legten Dienft in einer Sade, die vom Reid verurtheilt war. Snzwilchen hatten die Verhandlungen zwijchen Preußen und Frank: reich ihren Fortgang genommen. In Paris waren die Iebhaften Agitationen für einen Wiedereintritt Preußens in die Coalition nicht unbekannt geblieben; man wußte, daß dem König naheftehende Männer, wie Hohenlohe, daran theilnahmen, und hatte nur um jo weniger Neigung, fich zur Adtung der Neutralität Norddeutichlands zu verpflichten. Indefjen begann all: mählich die entichlofjene Haltung Preußens, dag mit einer gewifjen Dften: tation feine Rüftungen betrieb, ihre Wirkung auszuüben. Dazu fam, daß auch Gaillard jeinerfeit3 wiederholt empfahl, den preußischen Wünfchen Red): nung zu tragen, e& Îtebe jonft, jchrieb er, zu beforgen, daß Graf Haugwiß, der allein den Sieg der Friegerifchen Strömungen verhindere, burd feine Gegner gejtürzt werde. Indem die franzöfifche Regierung bei diefer Lage der Dinge die Nothwendigfeit fühlte, die Neutralität Norddeutichlands ausdrüdlich anzuerkennen, dachte fie doch gleichzeitig, dies Eingehen auf den haupt: jählichjten Gefichtspunft der preußischen Politik zu einem feiteren Heranziehen Preußens an das eigene Syitem zu benuben. Sie Slug zwei Verträge vor, deren einer die Anerkennung der norddeutfchen Neutralität, deren anderer die Abtretung des linfen Rheinufer und Entihädigungen für Preußen und den ehemaligen Statthalter Hollands feftieben follte; fie fügte hinzu, daß Frankreich fid) zu dem einen nicht ohne den andern verftehen könne 4. Aprilj!). In Berlin, wo Caillard diefe Verträge vorlegte, erhob fi der lebbañteite Widerjpruch eben gegen diefe Combination, durch welche die Neutralität Norddeutichlands von der Abtretung des linken Nheinufers abhängig gemacht wurde. Man zeigte fich bereit, unter gewillen Meodififationen den Vertrag über die Neutralität Norddeutichlands zu unterzeichnen, weigerte fid aber zugleich, über die Aheingrenze und die etwaigen
1) Urf. Wr. 42.
XXVI Einleitung.
Entihädigungen burd Säcularifationen vor dem allgemeinen Frieden bin: dende Verpflichtungen zu übernehmen (10. Mai).
Troß diefer Erklärung wurden indeß die Verhandlungen zwifchen Haugwig und Gaillard in Berlin feinen Augenblid abgebrochen ; vielmehr fam man einander allmählich näher. Wenn einerfeits die franzöfiiche Regierung fid den preußischen Wünjchen in Beziehung auf die Ausdehnung der Demarkfationslinie entgegenfommend zeigte, fo begann andrerfeit3, unter dem Drude der allgemeinen Weltverhältniffe, die preußijche Regierung ihren Widerftand gegen den von Frankreich vorgefchlagenen Doppel-Bertrag fallen zu lafjen. In Deutichland fonnte der Kampf, der für Frankreich über: rafchend günftig verlief, jeden Tag bas offen daliegende Norddeutichland ergreifen; in Italien hatten die fiegreichen Waffen Bonaparte s den Bund zwifchen Ofterreid und Sardinien gefprengt und bas lebtere zu einem Waffen: ftillftand genöthigt, der einen baldigen Frieden erwarten ließ. Wie, wenn Dfterreich, gezwungen oder freiwillig, diefem Beifpiel folgte?
ES jcheint befonders diefe lebte Erwägung gewejen zu fein, die den Grafen Haugwig veranlafte, dem Drängen Caillard’3 nachzugeben und die Geneigtheit Preußens zum Abjhluß beider Verträge zu erklären (21. Mai) '). Die Verhandlung, die im Übrigen wenig Schwierigkeiten darbot, drehte fih dann bauptiädlid um die Entihädigung Preußens für die Abtretungen am linfen Rheinufer. Frankreich hatte, wie Sieyes don vor Jahres: frift in Ausficht genommen?), das Herzogthum Weitfalen und Paderborn angeboten, Preußen beanspruchte Münfter, wogegen Gaillard aus Rüdficht auf die batavifche Republit Einwendungen machte. Eine Verzögerung des Abjchluffes trat noch dadurd) ein, daß von Paris aus Sandoz-Rollin berichtete, bas Direktorium fei einverftanden, das Übereinfommen wegen ber Abtretungen und Entichädigungen bis zum Neichsfrieden zu vertagen, und halte eine gegenfeitige Erklärung über die norddeutfche Neutralität ohne fürmlichen Vertrag für augreichend®). Mag nun, wie Gaillard meint, dieje Meldung von Sandoz-Rollin auf einem Mißverftändniß beruht, mag das Direktorium einen derartigen Gedanken gefaßt und bei dem günfjtigen ‘Fort: gang der Verhandlungen in Berlin wieder aufgegeben haben, gewiß ift, daß im Laufe des Juni das Direktorium jowohl bei feinem Vertreter als bei der preußijchen Regierung auf den endlichen Abjchluß Hindrängte. Zugleich) that e8 den preußijchen Forderungen einen ferneren Schritt entgegen, in: dem e3 die Entichädigung durch Münfter bewilligte, doch nicht ohne einen Theil davon für die batavifche Republik vorzubehalten ). Auf diefer Grundlage famen die Verhandlungen, die Anfang Juli in Berlin zwifchen Haug:
1) Bericht Caillarb’s, 24. Mai ©. 443.
2) Bal. die durch Sorel veröffentlichte Dentirift von Sieyes aus bem Jahr 1795 (Revue historique 17, 31).
3) Url. Nr. 53.
4) Erlaf an Gaillarb vom 9. Juni 1796.