FRIEDRICH HIRTH
deutung <Schriftstüick», «Urkunde» (z. b. chien ff] u. (sé %R) oder «Abschnitt eines Textes», «Kapitel (pen ff)» noch jetzt mit dem Klassenhaupt «Bambus> zusammengesetzt ist. Bambustäfelchen waren vermuthlich noch zur Zeit des Confucius das hauptsächlichste Schreibmaterial. In den aus jener Zeit, d. h. aus der Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. stammenden sogenannten <Klassikern» (Xing und Shu) wie dem Shu-king, Shih-king, Lun-yù u. s. w. ist die Benennung der Abschnitte oder Kapitel insofern charakteristisch, als sich daraus noch nicht auf das Vorhandensein eines anderen Materials schliessen lässt. Dagegen findet sich bereits im SAik-ki von Ssü-ma Ch'ien, der ältesten dynastischen Geschichte neueren Stils vom Jahre 91 vor Chr., die Eintheïlung in chüan (&) oder Kapitel. Da dieses Zeichen ursprünglich «eine Rolle» bedeutet, so dürfen wir annehmen, dass schon damals ein weicheres Material im allgemeinen Gebrauch war. Es scheint jedoch, dass dies damals noch nicht allzu lange der Fall war; wenigstens berufen sich die chinesischen Encyklopädisten !) auf eine Stelle in der offiziellen Biographie des Ssü-ma Hsiang-ju ?), der im Jahre 126 v. Chr. starb, wonach Hsiang-ju von seinem Fürsten Pinsel und Bambustäfelchen zur Niederschreibung eines Gedichtes als Geschenk erhielt. Der Scholiast Yen Shih-ku (7. Jahrh. n. Chr.) fügt die Bemerkung hinzu, dass man unter ca (%L), dem Gegenstand jenes Geschenks, kleine dünne Bambustäfelchen verstanden habe und dass zur Zeit des Ssü-ma Hsiang-ju der Gebrauch von Papier [worunter die als Papier benutzten Seidenzeuge zu verstehen sind] noch nicht ausgedehnt gewesen sei. Dass gerade das Todesjahr des Ssü-ma Hsiang-ju (126 v. Chr.; val. Mayers, $. 200) in die Periode des Uebergangs fällt, beweist eine Stelle in der angeführten Bio-
graphie *), wonach die Wittwe des Verstorbenen dem Abgesandten des
1) Vgl. T'u-shu-chi-chéng 24: 153, chi-shih, S. I. 2) Ch'ien-han-shu, Kap. 574, S. 3, Palast-Ausg. v. 1739. 3) Ibid., Kap. 578, S. 15.
se DIE ERFINDUNG DES PAPIERS IN CHINA. ik
Kaisers, der sich nach etwa hinterlassenen Büchern erkundigen sollte, erklärte, «ihr Gatte habe nie Bücher besessen, da diese, kaum seschrieben, sogleich hinweggeholt worden seien ; doch habe er vor seinem Tode eine Schriftrolle (chüan # ) verfasst des Inhalts, dass, wenn der Abgesandte komme, um nach Büchern zu suchen, an den Kaiser berichtet werde, das von ihm hinterlassene cha-shu (AL ==} d.i. Buch in Holztafelform, handle vom Hügelaltar-Dienst». Es scheint daraus hervorzugehen, dass am Ende des zweiten Jahrhunderts v. Chr. die beiden Arten des Schreibmaterials benutzt wurden. Spätere chinesiche Autoren nahmen an, dass das Schreiben auf Seide während der Dynastien Ts'in und Han, von der Mitte des 5. Jahrhunderts vor Chr. bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts nack Chr. gebräuchlich gewesen sei'). Aus dem Wenigen, das uns über die Natur des als Papier verwandten Seidenstoffes aufbewahrt ist, müssen wir schliessen, dass es sich nicht um Bekleidungsstoffe, sondern um ein specielles Fabrikat handelte, das aus Abfallseide bereitet wurde. Im Shuo-wén, einem erklärenden Wôürterverzeichniss aus dem Jahre 100 n. Chr., das also gerade in die Zeit füllt, in der die Industrie dieser Papierart in der hüchsten Blüthe gestanden haben muss, wird der Ausdruck chih ($HÆ), d. h. «Papier», erklärt als <ein Flechtwerk von Asü (4 )», d. i. <Seidenabfall ?). Fang Mi-chih, der Verfasser der linguistischen Encyklopädie T‘ung-ya *), knüpft an diese schwer verständliche Glosse folgende Bemerkungen: «Das Papier wurde im Altherthum aus Seidenabfall (ksä) durch das Feststampfen dieses Materials bereitet; fan-chich QU #K; würtlich übersetzt: «Lumpenpapier») war das <Buch des zerschnittenen Seidenzeuges». Fang Michih geht also von der Ansicht aus, dass das 800 Jahre vor und
nach Christus gebrauchte Papier durch Einstampfen von hsü erzeugt
1) Vgl. Pén-ts'ao-kang-mu, Kap. 38, S. 16.
2) Shuo-wén, Schlüssel 467, S. 8.
3) Kap. 32, S. 13. Ueber dieses Werk s. Hirth, Ancient Porcelain, S. 18, Anm. 61.
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wurde. Æsü wird nun im Shuo-wén als <ordinäre Roh- oder Floretseide» erklärt; eine spätere Autorität, auf die sich das Wôrterbuch des K'ang-hi ‘) beruft, sagt: «Von den durehbrochenen, gereinigten Cocons heissen die feinen mien, die groben hsü; jetzt nennt man die neuen mien, die alten Lsü». An einer Stelle der älteren Han- Annalen ?) wird erwähnt, dass unter der Regierung des Kaisers Wên-ti (179 bis 156 v. Chr.) Greise von über 80 Jahren eine monatliche Altersunterstützung erhielten, die aus 15 Centner Reis, 27 Pfand Fleisch, 3 tou Wein bestand, dass aber den neunzigjährigen ausser dieseu Rationen noch je 2 Stück Seidenzeug und 3 Kütty (4 Pfund) ksü gegeben wurde. Es geht daraus hervor, dass Asï nach Gewicht, und nicht nach Maass verkauft wurde, dass wir es also bei dem Rohmaterial, aus welchem das älteste Papier der Chinesen fabrizirt wurde, wohl nicht mit Gewebe-Fragmenten zu thun haben. Was Fang Mi-chih über das seidene Lappenpapier (fan-chil) sagt, stammt vielleicht aus dem Shih-ming *) einem Glossar der späteren Han-Dynastie. Es heisst dort: «Bei den Alten richteten sich die (zum Schreiben benutzten) Seidenzeuge in Bezug auf ihre Grôsse nach dem Format des Buches und wurden je nach Umständen beschnitten; die Abschnitte (?) wurden ,,Lappenpapier‘* genannt». Ich kann mir nicht verhehlen, dass die wenigen Andeutungen, die ich über das älteste Papier gefunden habe, kaum geeignet sind, uns eine genaue Vorstellung von der Verfertigung dieses Fabrikates zu geben. Jedenfalls existirte eine Art Seidenpapier noch lange nach der Einführung billigerer Methoden. So wird von dem berühmten Schünschreiber Wang Hsi-chih, der im Jahre 379 n. Chr. starb, berichtet, dass er Schreïbpapier aus Seidencocons und Pinsel aus Rattenhaar bei
der Niederschrift seiner Vorrede zur Gedichtsammlung Zan-ting be-
1) K'ang-hsi Teü-tien, 8. v. 48 :
2) Ch'ien-han-shu, Kap. 4, S. 7.
3) P‘ei-wén-yün-fu, Kap. 344, S. 1.
nutzte '), und das koreanische Cocon-Papier hat in China während des ganzen Mittelalters eine bedeutende Rolle gespielt ?).
Mehr Licht als über das ältere Seidenpapier erhalten wir über die Erfindung des vegetabilischen Papiers, das dazu bestimmt war, von China nach Samarkand und von da in alle Theïle der islamitischen, sowie später auch der europäischen Kulturwelt vorzudringen *). Was die Chinesen über die Erfindung dieses Papiers wissen und geschrieben haben, stützt sich auf eine Stelle der Annalen der späteren Han ‘), die, auf Grund der Staatsakten der Dynastie vom Historiographen Fan VYVeh im 5. Jahrhundert redigirt, als zuverlissigste Quelle für die Geschichte jener Zeit anzusehen sind. Hier ist unter den Biographien berühmter Männer ein besonderer Abschnitt dem Staatsmann Ts'ai Lun gewidmet, dem es vorbehalten war, in aller Stille eine der weittragendsten Erfindungen zu machen, die wohl je in den Annalen der Technik verzeichnet wurden. Gebürtig aus Kuei-yang, einer noch heute so genannten Kreishauptstadt im Süden der Provinz Hu-nan, bekleidete er um das Jahr 75 n. Chr. ein hôüheres Hofamt und wurde nach einer Reïhe von Befôrderungen im Jahre 89 zur Leitung der kaiserlichen Waffenmanufacturen berufen, wo er sich bedeutende Verdienste erworben haben sol. Für uns ist er durch die Erfindung des Pflanzenfaser- Papiers unsterblich geworden. «Von Alters her», sagen die chinesischen Annalen, «hatte man sich zu schriftlichen Aufzeichnungen
vielfach der aneinander gereihten Bambusbretter bedient; auch ver-
1) Skik-lei-fu, Kap. 15,8. 104; cf. Ko-chik-ch‘ing-yüan, Kap. 31, S. 8. Ueber das Laning und Wang Hsi-chih’s Mitarbeiterschaft an diesem Werke s. Wylie, Notes on Chinese Literature, S. 62.
2) S. Citat aus dem Férg-l‘u-chi, einem Werke der Dynastie Chin (3. oder 4. Jahrh.), im P'ei-wén-yün-fu, Le, S.2, sowie die Encyklopädien passim.
3) S. Karabacek, Das arabische Papier, eine historisch-antiquarische Untersuchung , Wien 1887, u. Neue Quellen zur Papiergeschichte, Wien 1888; u. Wiesner Die mikroskopische Untersuchung des Papiers, Wien 1881.
4) Hou-han-shu, Kap. 108, S.5, Palast-Ausg. von 1739.
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fertigte man chih (#K), d.i. Papier, aus Seidenzeugen ; da jedoch die letzteren zu theuer, die Bambusbretter aber zu schwer waren, um dem Publikum bequemen Gebrauch zu gestatten, so erfand Ts'ai Lun die Bereitung des Papiers mit Hülfe der Baumrinde, des Hanfes, sowie der Lumpen und Fischeïnetze. Im Jahre 105 n. Chr. wurde der Erfinder durch Kabinetsbefehl vom Kaiser wegen seiner Geschicklichkeit ofliziell belobigt, und seit jener Zeit kam die neue Methode der Papierbereitung in allgemeinen Gebrauch, weshalb man im ganzen chinesischen Reich vom ,,Papier des Ts‘ai Lun“ spricht» !). Eine Glosse fügt zu dieser Stelle hinzu, dass nach einer Mittheilung der Chronik von Hsiang-chou ?) das Haus des Ts'ai Lun im Norden von Lei-yang-hsien *) [einige Meilen stromaufwärts von Héng-choufu] zu sehen sei; in der Nähe, nach Westen zu gelegen, sei ein Stein, der Ts‘ai Lun als Unterlage beim Stampfen seines Papiers gedient habe. In der Local-Chronik des Kreises “) wird mitgetheilt, dass jener Steinmürser während der Dynastie T'ang (618 bis 907 n. Chr.) als Tribut an den Hof geschickt wurde, und es ist anzunehmen, dass er in der Folge in den kaiserlichen Museen aufbewahrt wurde; doch sollte die Stelle, wo er ursprünglich gestanden, bei den Trümmern des Hauses noch erkennbar sein, Ts‘ai Lun überlebte seine Erfindung um 13 Jahre, nachdem er noch im Jahre 114 n. Chr. zum Marquis von Lung-t'ing erhoben war. Was nun die von ihm benutzten Materialien betrifft, so ist in den chinesischen Annalen mit unzweideutigen Worten gesagt, dass er Papier aus Baumrinde
(Bast), aus Hanf, aus Lumpen oder Hadern und aus Fischernetzen
1) Vgl. Wylie, Notes ete., Introduction, p.1v, Anm. Wenn Julien (/ndustries anciennes et modernes de l'empire Chinois, S. 141) sagt: les résultats de cette mémorable invention furent présentés à l’empereur régnant en Chine, vers l’an 153 de notre ère”, etc so beruht dies auf einem Irrthum in der Bestimmung der Jahreszah].
2) Hsiang-chou-chi (YF M} SL ), auch Hsiang-chung-chi (Y} je EU ); vgl.Auszüge daraus im 7"w-shu-chi-ch'éng, 6 : 1254, ts'a-lu, S. 1.
3) 26° 30° n. Br., 112° 41’ üstl. v. Greenw.; Playfair, Cèties and Towns of China, N°. 4090.
4) Lei-yang-hsien-chik (T'‘u-shu-chi-chéng, 6: 1251 hui-k‘ao 11, ku-chih, S. 6).
machte. Es ist von einiger Wichtigkeit, festzustellen, dass Lumpen oder Hadern zu seinen Rohmaterialien gehürten. Der chinesische Ausdruck pi-pu ‘) bedeutet, wôürtlich übersetzt, schlechte, unbrauchbare Zeuge. Die Grundbedeutung des ersten Zeichens, pi, ist nach dem Shuo-wén (Schlüssel 285): «zerrissene Kleider», <Lumpen», «Hadern». Das zweite Zeichen pu, bedeutet im weiteren Sinne Zeuge aller Art, im engeren Sinne Zeuge mit Ausschluss der seidenen und wollenen Stoffe. Namentlich sind darunter zu verstehen Stoffe aus 1) Baumwolle, 2) ko *), d.i. die Pflanze Dolichos trilobus, deren Fasern einen in China von Alters her bis auf den heutigen Tag vielgetragenen leinenartigen Stoff liefern, 8) ma), d.i. Hanf, wozu noch zu rechnen ist kuw-ma *), d.i. der vom chinesischen General Chang Ch'ien im 2. Jahrhundert v. Chr. aus Ferghana eingeführte Flachs, ta-ma), der eigentliche, in China heimische Hanf, sowie eine angeblich dem Flachs ähnliche Art ya-ma ); endlich 4) cA‘u °), worunter die das Grastuch liefernden Nesselarten (Urtica tenacissima, Bochmeria nivea u.s. W.) zu verstehen sind. Der Encyklopädist, dem ich diese für unsere Zwecke wichtige Definition entlehne 5), bemerkt, dass die alten Glossare zwar Seidenstoffe miteinschliessen, dass jedoch der Sprachgebrauch den Ausdruck pu auf die genannten Stoffe beschränke. Charakteristisch ist es wohl, dass im bucharischen Theil eines in meinem Besitz befindlichen polyglotten Manuskripts das chinesische pu durch bucharisches Æirbäs, was ja auf einen baumwollenen Stoff deuten sollte, wiedergegeben ist 7). Das Vor-
handensein der genannten Stoffe im frühen Altherthum ist für das
D hé FF. » Hi. > jf.
4) É} HA 7e De HA HA . Vgl. Pén-ts'ao-kang-mu, Kap.22, S. 4 Æ.
6) Shant'ang-ssit-kao (| [1 4 É 34) aus d. 16. Jahrh,, citirt im Ko-c#i4-ch'ingyüan, Kap. 27, S. 20.
7) Klaproth (Asia polygl., S. 251) übersetzt daher auch »weisses baumwollenes Zeugs.
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chinesische Gebiet nicht schwer nachzuweisen, und dass die theueren Stoffe dabei ausgeschlossen sind, mag daraus hervorgehen, dass der Aüsdruck pu-i!), d.h. «Anzug aus pu-Zeug oder einfachem, billiœem Stoff», in der Bedeutung «Mann aus dem Volke» sich in den älteren historischen Texten häufig genug findet ?). Am spätesten dürften noch baumwollene Stoffe hinzugekommen sein, die man Jahrhunderte lang aus dem Auslande bezog, ehe sie in China selbst erzeugt wurden. Fang Mi-chih*) definirt den Stoff ma-chik oder «Hanfpapier» als aus «shéng-pu», d.i. rohem oder ungebleichtem und ungefirbtem Hanf-, Linnen-, Grastuch- oder Baumwollenzeug, gemacht. Es geht aus diesen Betrachtungen, die sich als eimzig mügliche Interpretation an den Ausdruck pi-pu in der Biographie des Ts‘ai Lun anschliessen, hervor, dass schon im Jahre 105 n. Chr. das Hadernpapier den Chinesen bekannt war. Wenn es trotzdem der arabischen Welt bis ins 12. oder 13. Jahrhundert hinein fremd blieb “), so müssen wir annehmen, dass die Methode der Verarbeïtung der Hadern, wie sie Ts‘ai Lun geschaffen, sich auf die Dauer nicht bewährte, oder dass die chinesischen Einwanderer, von denen in der Mitte des 8. Jahrhunderts die Papier-Industrie in Samarkand eingeführt wurde, sich zufällig mit dem Hadernpapier nicht beschäftigten. Sebr unterstützt wird diese Vermuthung durch die Thatsache, dass das zunächst dem Persischen entlehnte arabische Wort käghid 5) füx <Papier> ohne grosse Schwierigkeit auf einen in China bereits im Altherthum gebräuchlichen Ausdruck ku-chih, alte Aussprache Lok-de 5), mit der Bedeutung von «Papier aus der Rinde
des Papier-Maulbeerbaums»> zurückführen lässt. Der Papier-Maulbeer-
2) Vgl. P'ing-taü-lei-pien, Kap. 175, S. 1.
3) T'ung-ya, 1. c.
4) Karabacek, Das arab. Papier, S. 31.
5) héls.. 6) Y #K.
baum (Broussonetia papyrifera), der schon vor der Erfindung des
Ts'ai Lun, wegen gewisser medizinischer Eigenschaften Gegenstand
ausgedehnter Anpflanzangen war, muss zunächst den Ausgangspunkt
für die Fabrikation aller Rindenpapiere gebildet haben, weshalb der : ? - PR ©
Ausdruck Æku-chih oder kok-d: typisch für die Produkte aller Baum-
fasern wurde.
Wie Professor Karabacek !) in Wien aus arabischen Quellen nachgewiesen, wurde die Kunst der Papierbereitung aus China im Jahre 751 n. Chr. in Samarkand eingeführt. Eine Anzahl der arabischen Läteratur entnommener Stellen weist darauf hin, dass unter den nach einer blutigen Schlacht gemachten Kriegsgefangenen sich chinesische Arbeiter befanden, die mit der Papierbereitung vertraut waren. Der Feststellung des Jahres, in welchem jener Feldzug unternommen wurde, verdanken wir diese genaue Auskunft über die Zeit, in der die chinesische Erfindung zunächst nach Samarkand gelangte *). Wenn uns ein arabischer Autor *) bezeugt, dass das älteste Samarkander Papier aus <Grüsern und Pflanzen» gemacht wurde, so stimmt dies vollkommen mit der chinesischen Methode überein, die, wie wir gesehen haben, schon im Jahre 105
1) Op. cit., S. 27 f.
2) Den von Karabacek angeführten Zeugnissen für die Zeit, in der jene Schlacht am Tharäzflusse geschlagen wurde, kann ich das der chinesischen Annalen (7 ‘ang-sku, Kap. 5, S. 24 der Palast-Ausg. v. 1739) hinzufügen, wonach der im centralasiatischen Kolonialdienst gross gewordene Feldherr Kao Hsien-fa, ein Koreaner von Geburt, nachdem er vier Jahre vorher den Khakan der Türken und den Fürsten von Schasch oder Taschkend zu Gefangenen gemacht hatte, im 7. Monat (d.i. im Juli) des Jahres 751 von den Ta-shih (Arabern) bei der Stadt Hêng-lo-ssü (Kanglis) vollständig geschlagen wurde. (Vgl. die biographie der Feldherrn, Tazxg-shu, Kap. 135, S. 8; und Kap. 2215, S. 4.) Der Name Kanglis oder Kanklis, Kangli u. 8. w. scheint als Städtename zwar unbekannt zu sein, kommt aber in der Mongolenzeit als der eines Tatarenstammes vor, der bei der Thronbesteigung Dschingiskhans die Gegend des Sees Issikul und des Flusses Tharâz inne hatte (vel. Bretschneider, Mediaeval Researches, Bd. I, S. 301). Da die den Feldzug hervorrufenden Umstände, der Ort und der Monat, in dem die Schlacht geliefert wurde, in der chinesischen Ueberlieferung mit den durch Karabacek mitgetheilten Details der arabischen Geschichtsschreibung übereinstimmen, so trage ich kein Bedenken,
die Thatsache als ganz besonders gut beglaubigt anzusehen. 3) Karabacek, S. 28.
n. Chr. Pflanzenstoffe aller Art verwandte. Eine indirekte Andeutung über das in Samarkand verarbeitete Material liegt vielleicht in der Etymologie des Wortes käghid aus dem chinesischen Namen für «Rindenpapier» (ku-chih, kok-dz), was allerdings die <Gräser» des von Karabacek herangezogenen arabischen Schriftstellers ausschliessen würde. Uebrigens datiren die Beziehungen zwischen China und Samarkand aus einer viel früheren Periode; Gesandtschaften waren aus Samarkand und den unter seiner Oberhoheit stehenden Staaten seit der Dynastie Han an den chinesischen Hof geschickt worden, und die Annalen (7‘ang-shu, Kap. 2218, S. 18) berichten, dass in den Jahren 650 bis 656 der Fürst dieses Landes zum Satrapen (éu-tu-fu) China’s ernannt wurde, was ja doch immerhin einen intimen Verkehr zwischen den beiden Staaten voraussetzt. Wir hängen daher vollständig von dem Zeugniss zweier arabischer Schriftsteller ab, die uns in Bezug auf die Einführung des Papiers ausdrücklich auf das erwähnte Ereigniss verweisen.
Nachdem wir die Wanderung der Papier-Industrie seit 1hrer Erfiudung im Jahre 105 n. Chr. aus dem Süden Chinas durch Centralasien hindurch nach Samarkand verfolgt haben, befinden wir uns auf wohlbebautem Boden. Die Arbeiten von Karabacek und Wiesner knüpfen an jenen enormen Vorrath mittelalterlicher Papiere an, der die bekannte Sammlung der Papyrus Erzherzog Ramer bildet, und lassen keinen Zweifel über die Thatsache übrig, dass Europa seine Papier-Industrie durch Vermittlung der Araber in letzter
Instanz den Chinesen verdankt.